Autorenstalking. Gespräch über Literatur und Schreiben Teil 2

KW: Für Sie wäre so ein Internettagebuch nichts? CS: Das weiß man nicht. Ich kann nicht sagen, was ich tue, wenn das Leben zu Ende geht. Ich habe schon einmal gedacht, ich wäre schwer krank. Es war der Fehler eines Arztes, der zwei Werte vertauscht hat. Es war Gott sei Dank nicht so. [Blickt aus dem Fenster:] Ich sehe gerade ein Tandem; schön … Sie haben doch auch eines. Ja. Graz hat den Vorteil, dass es viele Radwege gibt. [Erschrocken:] Ist das jetzt schon ein Interview? Alles, was Sie sagen, wird eingebaut. Darf ich noch einmal fragen, wie Ihre Arbeitsorganisation…

Sorry, aber mir war es zu lang

Er stand auf der Longlist des deutschen Buchpreises, aber gewonnen hat er einen anderen Preis. Vor ein paar Tagen hat Clemens Setz den mit 30.000 Euro dotierten Wilhelm-Raabe-Preis für „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ bekommen. Die Jury meinte: Setz entwirft in seinem Roman mit großem Sprachwitz einen Thriller, mit zahllosen Bezügen zur Hoch- als auch Populärkultur“. Aha, dachte ich mir – das war also ein Thriller. Habe ich gar nicht mitbekommen. Ich muss dann wohl an den spannenden Stellen kurzfristig eingenickt sein und habe dabei anscheinend auch den großen Sprachwitz gleich mit verschlafen. Ich gebe ja zu, dass ich…

Lesen mit Setzpausen: Thomas Hummitzsch

Thomas Hummitzsch, geboren 1979, Studium der Germanistik, Politik, Soziologie, Geschichte in München, Berlin und Paris, seit 2007 freier Kritiker Literatur, Sachbuch, Comic, Film (SZ, Rolling Stone, taz, Freitag, Tagesspiegel, Die Welt, Jüdische Allgemeine, Kulturaustausch, Gazette, Alfonz), 2013 Gründung des eigenen Blogs Intellectures. Mit wem würden Sie gerne ein Buch zusammen lesen? Ich würde mal wahnsinnig gern ein Buch mit Roberto Bolaño und seinen Übersetzern Heinrich von Berenberg und Christian Hansen lesen. Am liebsten »Die wilden Detektive«, um mit ihnen dem Tohuwabohu des viszeralen Realismus nachzugehen. Es würde mir dabei gar nicht mal um das Entschlüsseln der unzähligen Querverweise zur lateinamerikanischen Literatur…

Der Clemens-Setz-Referenzencheck (2)

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Weiter geht’s: Teil zwei des Referenzchecks, von Seite 100 bis 300 der Druckausgabe: Es gehört zu Clemens J. Setz‘ schrägem Humor, dass hier ein von Alexander Dorm benutztes Make-up den Namen eines der berühmtesten Science-Fiction-Autoren aller Zeiten, Isaac Asimov, trägt. Die Foundation-Trilogy, zwischen 1951 und 1953 erschienen und später um mehrere Fortsetzungen erweitert, erzählt die Geschichte des Mathematikers Hari Seldon, der mittels der von ihm erfundenen psychohistory die Geschicke der Menscheitsgeschichte lenken will. Passend dazu, auf die Frage von Natalie, wozu die Substanz diene, ist Alexander Dorms Antwort: „Zur Grundierung.“ Wikipedia weiß: „Bliss-Symbole sind eine von Charles K. Bliss in ihren Grundzügen in den 1940er Jahren entwickelte…

Autorenstalking. Gespräch über Literatur und Schreiben Teil 1

Dieses Interview mit Clemens Setz ist nun fast zwei Jahre alt. Es wurde in der Absicht geführt, in einem Blog veröffentlicht zu werden, eine Möglichkeit, die sich dann allerdings zerschlug. Seitdem ruhte es in der Schublade in der Hoffnung, zu einem geeigneten Zeitpunkt seinen Weg zu den Lesern zu finden. Nach Publikation des Romans „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“, dessen Entstehen Setz hier schon andeutet, scheint nun der Zeitpunkt gekommen. Das Interview erscheint in drei Teilen und beinhaltet zwischen den Zeilen immer wieder Anhaltspunkte, die Clemens Setz’ Arbeitsweise und die Deutung seines großen Romans erhellen.   Dezember 2013 In…

Analoge Faulheit: Tobias Lindemann

Tobias Lindemann, geboren 1973, lebt in Nürnberg und ist als Kulturaktivist in den Bereichen Literatur, Film, Radio und Musik aktiv. Unter dem Namen Libroskop bloggt er seit 2013 über zeitgenössische Literatur. Mit wem würden Sie gerne ein Buch zusammen lesen? Mit denen, die genau und aufmerksam lesen.   Mit wie vielen? Wann, zu welchen Tageszeiten, Wochentagen, Jahreszeiten? Nicht zu viele und nicht zu wenige. Und ich bin ja Sommerleser, weil ich im Winterhalbjahr so früh müde werde. Mein Lieblingslesetag ist Montag.   Was für ein Buch, welche Bücher, welche Art von Büchern? Mit welchem Buch wäre so etwas wie Social Reading…

Trigger Warning

„Sie drückte das Kondom wie eine Senftüte aus. Der Inhalt tropfte ins Wasserglas und wand sich dort, geisterbleiches Ektoplasma. Dann sank es auf den Grund und lag einfach dort, unförmig, wie Kalkrückstände in Seniorenheim-Gebissbechern. Sie leerte das Glas in einem Zug. Aids, dachte sie und hielt sich eine Hand vor den Mund, als sie rülpsen musste. Aids Aids Aids Aids Aids.“ Könnte man, so mag man sich angesichts solcher Stellen im Roman von Clemens J. Setz fragen, den Text in der universitären Lehre einsetzen? Natürlich, werden Sie jetzt sagen, warum denn nicht. Selbst wenn Richard Kämmerlings in seiner Rezension in…

Der Clemens-Setz-Referenzencheck (1)

laxness

Dass Clemens J. Setz in seinen anspielungsreichen Romanen auch gern die Leser an der Nase herumführt, wurde mir spätestens bei Indigo klar, wo ein ganzes Kapitel aus Johann Peter Hebels Kalendergeschichten wiedergegeben wird: „Die Jüttnerin von Bonndorf“ (sogar mit Seitenangabe). Freilich sucht man die in Frage kommende Geschichte in Johann Peter Hebels Werken vergeblich – Setz hat sie sich ausgedacht. Auch in Die Stunde zwischen Frau und Gitarre fliegen einem die Referenzen nur so um die Ohren. Zeit für ein Check-Up! Der erste Teil deckt in der Druckausgabe die Seiten 1-99 ab. Das Motto – da geht es schon los. Von Sascha Lobo in einem früheren Blog-Post bereits…

Du darfst ausflippen, baby, aber du musst pünktlich sein.

Zwischenerkenntnis: Social Reading braucht Echtzeit. Gemeinsame Echtzeit. Ich will mich mit euch verabreden, wie zu guten alten Buchclubzeiten. Und dann bitte: Polyphonie. Ich will auf LOS! mit euch durch dieses Buch stürmen und ein gemeinsames Feuerwerk auf der Metaebene zünden. Welche Figur überzeugt und warum, welcher Handlungsstrang braucht mehr Fleisch, welche darlings müssen gekillt und welche noch geboren werden? Schnell, unverstellt, ohne Höflichkeitsfilter, ohne eng ums Ego geschraubte Worthülsen, die nur zu gern intellektuell schmecken wollen. Ich will mit dem Lesen der Kommentare nicht nachkommen und es trotzdem versuchen. Lesen und schreiben, bis alle Risiken und Nebenwirkungen des Romans mindestens einmal in Kopf und Körper aufgepoppt sind. Eine…

Das Lateinische an Sibelius

Neben vielen anderen Fährten, die Clemens J. Setz im Roman legt, streut er immer wieder musikalische Brotkrumen aus. Auf den Seiten 168 bis 170 gibt es eine außergewöhnliche Ballung mit gleich fünf Musikstücken, die in die Handlung eingeflochten werden. Zunächst hört Natalie zu Hause auf ihrem iPhone: ein nicht weiter benanntes Musikstück von Jean Sibelius (hier stellvertretend „Der Schwan von Tuonela“)   die Titelmelodie aus der TV-Slapstick-Show Benny Hill   den Säbeltanz von Aram Chatschaturjan   Im nächsten Abschnitt trifft Natalie Herrn Dorm in seinem Zimmer an und die folgenden Songs laufen im Hintergrund: DJ Bobo – Heyamama (nicht auf…