KategorienDie Stunde zwischen Frau und Gitarre

Der Clemens-Setz-Referenzencheck (1)

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Dass Clemens J. Setz in seinen anspielungsreichen Romanen auch gern die Leser an der Nase herumführt, wurde mir spätestens bei Indigo klar, wo ein ganzes Kapitel aus Johann Peter Hebels Kalendergeschichten wiedergegeben wird: „Die Jüttnerin von Bonndorf“ (sogar mit Seitenangabe). Freilich sucht man die in Frage kommende Geschichte in Johann Peter Hebels Werken vergeblich – Setz hat sie sich ausgedacht. Auch in Die Stunde zwischen Frau und Gitarre fliegen einem die Referenzen nur so um die Ohren. Zeit für ein Check-Up! Der erste Teil deckt in der Druckausgabe die Seiten 1-99 ab. Das Motto – da geht es schon los. Von Sascha Lobo in einem früheren Blog-Post bereits…

Du darfst ausflippen, baby, aber du musst pünktlich sein.

Zwischenerkenntnis: Social Reading braucht Echtzeit. Gemeinsame Echtzeit. Ich will mich mit euch verabreden, wie zu guten alten Buchclubzeiten. Und dann bitte: Polyphonie. Ich will auf LOS! mit euch durch dieses Buch stürmen und ein gemeinsames Feuerwerk auf der Metaebene zünden. Welche Figur überzeugt und warum, welcher Handlungsstrang braucht mehr Fleisch, welche darlings müssen gekillt und welche noch geboren werden? Schnell, unverstellt, ohne Höflichkeitsfilter, ohne eng ums Ego geschraubte Worthülsen, die nur zu gern intellektuell schmecken wollen. Ich will mit dem Lesen der Kommentare nicht nachkommen und es trotzdem versuchen. Lesen und schreiben, bis alle Risiken und Nebenwirkungen des Romans mindestens einmal in Kopf und Körper aufgepoppt sind. Eine…

Das Lateinische an Sibelius

Neben vielen anderen Fährten, die Clemens J. Setz im Roman legt, streut er immer wieder musikalische Brotkrumen aus. Auf den Seiten 168 bis 170 gibt es eine außergewöhnliche Ballung mit gleich fünf Musikstücken, die in die Handlung eingeflochten werden. Zunächst hört Natalie zu Hause auf ihrem iPhone: ein nicht weiter benanntes Musikstück von Jean Sibelius (hier stellvertretend „Der Schwan von Tuonela“)   die Titelmelodie aus der TV-Slapstick-Show Benny Hill   den Säbeltanz von Aram Chatschaturjan   Im nächsten Abschnitt trifft Natalie Herrn Dorm in seinem Zimmer an und die folgenden Songs laufen im Hintergrund: DJ Bobo – Heyamama (nicht auf…

Streber und Fanboy: Benjamin Quaderer

Benjamin Quaderer, geboren 1989 in Feldkirch (A), und aufgewachsen in Liechtenstein, studierte Sprachkunst an der Universität für angewandte Kunst Wien und Kreatives Schreiben & Kulturjournalismus an derUniversität Hildesheim. Er war Mitherausgeber der LiteraturzeitschriftBELLA triste und Teil der künstlerischen Leitung von PROSANOVA 2014 – Festival für junge Literatur. Er veröffentlicht in Zeitschriften und Anthologien (zuletzt: Landpartie 15). Mit wem würden Sie gerne ein Buch zusammen lesen? Mit Money Boy und der Glo Up Dinero Gang. Mit wie vielen? Wann, zu welchen Tageszeiten, Wochentagen, Jahreszeiten? Mit wenigen, vielleicht fünf, die den Text dafür umso intensiver lesen. Die Zeiten sind egal. Wenn eine/r eine…

Betreutes Lesen – Podcast vom Orbanism Space auf der Frankfurter Buchmesse

»Betreutes Lesen«. Social Reading von Clemens J. Setz‘ »Die Stunde zwischen Frau und Gitarre« – Das Literaturexperiment #fraugitarre Wie kann das digitale Gespräch über Literatur in Zukunft aussehen? AutorInnen, KritikerInnen und BloggerInnen erproben das seit September auf www.frau-und-gitarre.de. Sie lesen und diskutieren 100 Tage lang online den neuen Roman von Clemens J. Setz: »Die Stunde zwischen Frau und Gitarre«. Clemens J. Setz im Gespräch mit Guido Graf, Jan Drees, Christoph Kappes (Sobooks) und Daniel Acksteiner (Suhrkamp Verlag). Die Veranstaltung via Periscope von Leander Wattig: https://www.periscope.tv/w/1dRKZBrdeNwKB

Einsamkeit und Streunen

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Ich bleibe immer wieder an dem Thema Einsamkeit hängen. Natalie erscheint mir als zutiefst einsame Person. Nicht aufgrund fehlender sozialer Kontakt, sondern weil sie wie abgeschnitten von der Welt zu sein scheint. Deshalb die Live-Sendungen und alles Weltüberspannende, das sie mag. Deshalb auch die unverbindlichen Sexualkontakte an den Abenden, an denen sie streunen geht. Und da bestätigt Fromm, wie ich finde, mein Gefühl: „Das Bewusstsein der menschlichen Getrenntheit ohne die Wiedervereinigung durch die Liebe ist die Quelle der Scham. Und es gleichzeitig die Quelle von Schuldgefühl und Angst.“ (Erich Fromm: Die Kunst des Liebens, S.19) Ich denke, es lässt sich…

Nichts wissen #3

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In Hongkong gibt es Octopus, ein bargeldloses Zahlungssystem, das über einen Microship funktioniert, der in Karten oder auch Geräten, den Octopus Readern verbaut wird. Öffentlicher Nachverkehr, Einzelhandel, Onlineshops, Freizeiteinrichtungen und Schulen nutzen Octopus (das Londoner Pendant heißt Oyster Card). Auch in fortgeschrittener Pflegestufe kann die Octopus Card verwendet werden. Als nächstes kommt das Implantat. Man kann dann nach Stimmung einkaufen: Octopus erkennt selbständig die Waren, nach denen es mich verlangt, weiß, welchen Bus ich nehmen muss, in welches Stockwerk des Parkhauses ich muss, wenn ich vergessen habe, wo das Auto noch abgestellt ist. Und es geht auch anders herum: Bücher im…

Nichts wissen #2

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In der Tiefsee passt man sich an die Umgebung an, nach Muster und Farbe. Auch die Struktur wird ihrer Umgebung ähnlich. Hollberg spricht von einem unwillkürlichen Kopiervorgang, der echt krank sei. Das so zu sagen, imitiert zwar auch wieder eine bestimmte Redeweise, ist aber zugleich Klartext. Krank ist nicht das Kopieren oder Imitieren sondern das Unwillkürliche. Sich einem Gegenüber oder einer Umgebung gleich zu machen, die man vorher noch nie gesehen hat, sei krank. Nicht krank wäre demnach, das gleiche nach genauer Beobachtung zu tun. Was man sorgfältig studiert und eingeordnet hat, darf kopiert werden, ohne dass damit gegen irgendwelche…