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Der Nonseq-Nachsommer

Scheinbar sinnlos früh aufgewacht an diesem Samstagmorgen, im Bett tastend zum Buch gegriffen und „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ endlich zu Ende gelesen. Ich bin danach mit einem seltsamen Gefühlsgemisch zwischen Melancholie, dumpfer Angst und Beklemmung aufgestanden. Derartige, so schwer zu beschreibende Stimmungen erzeugen nur gute Romane. Es hat allerdings viele Wochen gedauert, bis ich an diesem heutigen Endpunkt der Lektüre angekommen bin. Es gab viele Pausen. Aber der Roman hat mich dann doch nicht mehr losgelassen. An irgendeiner Stelle in der Mitte des Textes war ich zunächst steckengeblieben. Das hätte das Ende sein können: Die fast tägliche Lehre…

Autorenstalking. Gespräch über Literatur und Schreiben Teil 3

KW: Sie schreiben doch auch an einem Essayband. CS: Ja, ich habe zumindest viele Essays geschrieben. Das Schönste ist, wenn man über Dinge schreibt, von denen man verzaubert ist, die aber nur wenige Leute kennen. Ich habe eine Idee für einen Essayband, der ein übergreifendes Thema hat. Mein Thema wären Zeitkapseln, Dinge, die verbuddelt und wieder ausgegraben werden, Räume, die versiegelt werden. Viele meiner Essays haben so eine Zeitkapseldimension. Es sind eigentlich kaum welche veröffentlicht. Im Internet gibt’s Zeitkapseln und verschiedene Projekte dazu. Meine Lieblingsautoren haben häufig etwas Essayistisches oder sind selbst große Essayisten. Oder manche Autoren schreiben nur einmal…

Autorenstalking. Gespräch über Literatur und Schreiben Teil 2

KW: Für Sie wäre so ein Internettagebuch nichts? CS: Das weiß man nicht. Ich kann nicht sagen, was ich tue, wenn das Leben zu Ende geht. Ich habe schon einmal gedacht, ich wäre schwer krank. Es war der Fehler eines Arztes, der zwei Werte vertauscht hat. Es war Gott sei Dank nicht so. [Blickt aus dem Fenster:] Ich sehe gerade ein Tandem; schön … Sie haben doch auch eines. Ja. Graz hat den Vorteil, dass es viele Radwege gibt. [Erschrocken:] Ist das jetzt schon ein Interview? Alles, was Sie sagen, wird eingebaut. Darf ich noch einmal fragen, wie Ihre Arbeitsorganisation…

Der Clemens-Setz-Referenzencheck (2)

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Weiter geht’s: Teil zwei des Referenzchecks, von Seite 100 bis 300 der Druckausgabe: Es gehört zu Clemens J. Setz‘ schrägem Humor, dass hier ein von Alexander Dorm benutztes Make-up den Namen eines der berühmtesten Science-Fiction-Autoren aller Zeiten, Isaac Asimov, trägt. Die Foundation-Trilogy, zwischen 1951 und 1953 erschienen und später um mehrere Fortsetzungen erweitert, erzählt die Geschichte des Mathematikers Hari Seldon, der mittels der von ihm erfundenen psychohistory die Geschicke der Menscheitsgeschichte lenken will. Passend dazu, auf die Frage von Natalie, wozu die Substanz diene, ist Alexander Dorms Antwort: „Zur Grundierung.“ Wikipedia weiß: „Bliss-Symbole sind eine von Charles K. Bliss in ihren Grundzügen in den 1940er Jahren entwickelte…

Autorenstalking. Gespräch über Literatur und Schreiben Teil 1

Dieses Interview mit Clemens Setz ist nun fast zwei Jahre alt. Es wurde in der Absicht geführt, in einem Blog veröffentlicht zu werden, eine Möglichkeit, die sich dann allerdings zerschlug. Seitdem ruhte es in der Schublade in der Hoffnung, zu einem geeigneten Zeitpunkt seinen Weg zu den Lesern zu finden. Nach Publikation des Romans „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“, dessen Entstehen Setz hier schon andeutet, scheint nun der Zeitpunkt gekommen. Das Interview erscheint in drei Teilen und beinhaltet zwischen den Zeilen immer wieder Anhaltspunkte, die Clemens Setz’ Arbeitsweise und die Deutung seines großen Romans erhellen.   Dezember 2013 In…

Trigger Warning

„Sie drückte das Kondom wie eine Senftüte aus. Der Inhalt tropfte ins Wasserglas und wand sich dort, geisterbleiches Ektoplasma. Dann sank es auf den Grund und lag einfach dort, unförmig, wie Kalkrückstände in Seniorenheim-Gebissbechern. Sie leerte das Glas in einem Zug. Aids, dachte sie und hielt sich eine Hand vor den Mund, als sie rülpsen musste. Aids Aids Aids Aids Aids.“ Könnte man, so mag man sich angesichts solcher Stellen im Roman von Clemens J. Setz fragen, den Text in der universitären Lehre einsetzen? Natürlich, werden Sie jetzt sagen, warum denn nicht. Selbst wenn Richard Kämmerlings in seiner Rezension in…

Aufstand des Körpers

Ich hätte gewarnt sein müssen. Schon als das Buch ankam, vor über vier Wochen, bemerkte ich, noch bevor ich es überhaupt aufgeschlagen hatte, ein Taumeln, eine leichte Irritation, die ich sogleich abtat, so wie man mit dem alternden Körper umgeht, was mag das schon sein, mal wieder der zu niedrige Blutdruck oder so.

Hasenfüßiger Auftakt

Bäume in Australien mögen, wie das Motto behauptet, einen langen Arm haben – dieser Roman hat bemerkenswert einen kurzen Atem. Kleinklein stellt Clemens J. Setz seine Hauptperson Natalie Reinegger vor, die, gerade diplomiert in Behindertenpädagogik, verschlafen hat und die Ballonfahrt der Absolventen versäumt. Natalie wird an diesem Tag nicht in den Himmel aufsteigen (und, so dürfen wir aus der sicher bedeutsamen Anfangsszene schließen, auch später nicht!). Die folgenden Kapitel stellen brav das Leben der 21-Jährigen vor: „Arbeit“, „Markus“, der Ex-Freund, „Streunen“, die einzige Freizeitbeschäftigung, „Laute auf dem Weg zur Arbeit“, „Die Betreuerinnen“ des Heimes, in dem Natalie gerade angestellt wurde,…

Buchtourismus

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„Waren Sie schon im neuen Setz? Tolles Buch. Aber schrecklich überfüllt.“ Was soll das sein, Social Reading? Ich stelle mir vor, wie der Massentourismus ins Buch einbricht. Tausend Links direkt ins Herz des Textes, Pauschalreisen an die schönsten Stellen. Aus Markierungen werden Sehenswürdigkeiten, Schulklassen laufen die wichtigsten zehn Stationen ab, Leser posieren mit Selfie-Stangen vor skurrilen Metaphern, Spammer verteilen Flyer, Exhibitionisten ergießen sich in die Kommentarspalten. Hat Ijoma Mangold bereits das unterirdische Kraftzentrum des Romans ausgehoben und darauf ein Museum errichtet, eine Kathedrale der Literaturkritik, die auf Seite 700 auf Besucher wartet? Ich bin gespannt. Mein erster Reisetipp und ein…

Souterrain

Mein Souterrain heißt Lasst uns Freunde bleiben das ist schon einmal und für sich ein sehr hübscher Name für einen Ort. Noch viel früher gab es innerhalb des Gebäudes einen Teil, der als Galerie genutzt wurde, und der nannte sich: Ruf Mich nie wieder an. Souterrains sind wichtig. Es gibt Städte, da gibt es keine Möglichkeiten, zum Beispiel München. Dort ist alles Surface, ein wenig schade, aber die Personen dort merken es glücklicherweise nicht. Hier in Berlin ist ein Souterrain King. Ich habe dort heute wieder drei Begegnungen gedurft haben, es handelte sich um Personen, von denen ich weder Telephonnummern…