Beitrag vonJan Süselbeck

Der Nonseq-Nachsommer

Scheinbar sinnlos früh aufgewacht an diesem Samstagmorgen, im Bett tastend zum Buch gegriffen und „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ endlich zu Ende gelesen. Ich bin danach mit einem seltsamen Gefühlsgemisch zwischen Melancholie, dumpfer Angst und Beklemmung aufgestanden. Derartige, so schwer zu beschreibende Stimmungen erzeugen nur gute Romane. Es hat allerdings viele Wochen gedauert, bis ich an diesem heutigen Endpunkt der Lektüre angekommen bin. Es gab viele Pausen. Aber der Roman hat mich dann doch nicht mehr losgelassen. An irgendeiner Stelle in der Mitte des Textes war ich zunächst steckengeblieben. Das hätte das Ende sein können: Die fast tägliche Lehre…

Trigger Warning

„Sie drückte das Kondom wie eine Senftüte aus. Der Inhalt tropfte ins Wasserglas und wand sich dort, geisterbleiches Ektoplasma. Dann sank es auf den Grund und lag einfach dort, unförmig, wie Kalkrückstände in Seniorenheim-Gebissbechern. Sie leerte das Glas in einem Zug. Aids, dachte sie und hielt sich eine Hand vor den Mund, als sie rülpsen musste. Aids Aids Aids Aids Aids.“ Könnte man, so mag man sich angesichts solcher Stellen im Roman von Clemens J. Setz fragen, den Text in der universitären Lehre einsetzen? Natürlich, werden Sie jetzt sagen, warum denn nicht. Selbst wenn Richard Kämmerlings in seiner Rezension in…

Zivildienst

Zu Beginn des Romans von Clemens J. Setz lese ich über den Alltag der Protagonistin Natalie Reinegger, die mit Behinderten arbeitet: Und so weiter. Warum nicht kurz beschreiben, welche Erinnerungen eine solche Stelle in dem Leser Jan Süselbeck auslöst, aus welcher Disposition heraus ich nun diesen Roman zu rezipieren beginne? Im Wintersemester 1992 nahm ich mein Studium an der Freien Universität Berlin auf. Bereits 1993 wurde ich aufgrund einer Verkettung von Umständen, die hier zu weit führen, zum Zwangsdienst in verschiedenen Berliner Behindertenschulen und -werkstätten verpflichtet. Die Uni war für mich damit für 15 Monate vorbei, und stattdessen fand ich…

Reihenfolge geändert

Guido Graf schreibt über die laufende Neusortierung unserer Lese- und Schreibprozesse. In der Literaturwissenschaft greift man da gerne auf Rüdiger Campes Begriff der ‚Schreibszene‘ zurück. Jeder Akt der Niederschrift ist demnach als eine spezifische Verbindung von Sprache, Schreibwerkzeugen und körperlichen Gesten begreifbar. Es gibt bestimmte Stimulanzien, die diesen Reigen befeuern mögen, vor allem aber gibt es dabei auch vielfältige Widerstände, die zu überwinden sind. Wer heute zu viel bei Facebook unterwegs ist, schreibt vielleicht keinen tausendseitigen Roman mehr fertig. Und erst Recht keine Habilitation. Beim ‚Social Reading‘ kommt zu dieser ‚Schreibszene‘ nun auch noch eine ‚Leseszene‘ hinzu. Alle lesen hier…