Beitrag vonGuido Graf

Nichts wissen #3

OctopusReaderGate

In Hongkong gibt es Octopus, ein bargeldloses Zahlungssystem, das über einen Microship funktioniert, der in Karten oder auch Geräten, den Octopus Readern verbaut wird. Öffentlicher Nachverkehr, Einzelhandel, Onlineshops, Freizeiteinrichtungen und Schulen nutzen Octopus (das Londoner Pendant heißt Oyster Card). Auch in fortgeschrittener Pflegestufe kann die Octopus Card verwendet werden. Als nächstes kommt das Implantat. Man kann dann nach Stimmung einkaufen: Octopus erkennt selbständig die Waren, nach denen es mich verlangt, weiß, welchen Bus ich nehmen muss, in welches Stockwerk des Parkhauses ich muss, wenn ich vergessen habe, wo das Auto noch abgestellt ist. Und es geht auch anders herum: Bücher im…

Wozu lese ich denn? – Jörg Plath

Jörg Plath, geboren 1960, studierte nach einer Ausbildung zum Buchhändler Neuere deutsche Literaturwissenschaft, Geschichte und Politik in Freiburg, Wien und Berlin. 1993 promovierte er über Franz Hessel, war freier Lektor, Ghostwriter, Literaturredakteur und arbeitet als Kritiker für überregionale Medien wie die „Neue Zürcher Zeitung“ und „Deutschlandfunk“. Er ist Literaturredakteur von „Deutschlandradio Kultur“. Mit wem würden Sie gerne ein Buch zusammen lesen? Bisher war da immer ein Kopf im Weg, weshalb er mir schon gut bekannt, ja lieb sein sollte. Das ist jetzt ja sicher anders, was die Ansprüche weniger persönlich und unbestimmter werden lässt. Ein Anspruch aber bleibt: Vielleser bevorzugt. Mit…

Nichts wissen #2

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In der Tiefsee passt man sich an die Umgebung an, nach Muster und Farbe. Auch die Struktur wird ihrer Umgebung ähnlich. Hollberg spricht von einem unwillkürlichen Kopiervorgang, der echt krank sei. Das so zu sagen, imitiert zwar auch wieder eine bestimmte Redeweise, ist aber zugleich Klartext. Krank ist nicht das Kopieren oder Imitieren sondern das Unwillkürliche. Sich einem Gegenüber oder einer Umgebung gleich zu machen, die man vorher noch nie gesehen hat, sei krank. Nicht krank wäre demnach, das gleiche nach genauer Beobachtung zu tun. Was man sorgfältig studiert und eingeordnet hat, darf kopiert werden, ohne dass damit gegen irgendwelche…

Nichts wissen #1

By Quant (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Was macht das Konfettistück auf seinem Schuh? Metallic violett. Natalie sieht es bei Hollberg, auf seinem Schuh, im Bart. Eine Party. Und er hinkt. Dorm bückt sich nach Hollbergs Fuß, voller Hingabe, vor ihm glitzern tausend Scherben einer unendlich wertvollen Vase. Das Behältnis Hollberg. Ein Glitzern, das woanders hinzeigt, nach außen, auf dem Fuß, den er, wie er sagt, sich verstaucht hat. Es hindert ihn nicht, Dorm wieder am Nacken zu packen, wie einen Gefangenen, einen Delinquenten, eine nasse Katze. Diese Griffe in den Nacken wiederholen sich im Verlauf des Romans. Eine „Art Abhärtung“ könnte das sein, so scheint es Natalie. Wogegen härtet…

Mehr Mathematik… – Jan Süselbeck

PD. Dr. phil, Studium der Neueren Deutschen Literatur, Neueren Geschichte sowie Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft an der Freien Universität Berlin (FU). 2004 Promotion an der FU mit einer Studie über Arno Schmidt und Thomas Bernhard (erschienen 2006 bei Stroemfeld). Seit 2005 Redaktionsleiter der Zeitschrift literaturkritik.de. 2012 Habilitation und Privatdozentur an der Philipps-Universität Marburg; wissenschaftlicher Mitarbeiter in Jörg Dörings DFG-Projekt „Die Adlon Tapes: Zur Textgenese von Tristesse Royale“ sowie Gastwissenschaftler im Graduiertenkolleg „Generationengeschichte“ an der Georg-Ausgust-Universität Göttingen (Sommersemester 2012). Vertretungsprofessuren in Marburg (2009/2010) und an der Universität Siegen (2013/2014). Seit September 2015 DAAD Associate Professor of German Studies an der University of…

Gemeinsam staunen: Dana Buchzik

Dana Buchzik hat Kreatives Schreiben, Kulturjournalismus und Philosophie an der Universität Hildesheim studiert und arbeitet als Journalistin für FAZ, SPON, SZ, taz, WDR, WELT & ZEIT. Ihre Antworten sind die ersten in einer losen Folge von Kurzinterviews mit den Teilnehmern des betreuten Lesens. Mit wem würdest Du gerne ein Buch zusammen lesen? Roger Willemsen. Mit wie vielen? Wann, zu welchen Tageszeiten, Wochentagen, Jahreszeiten? Am liebsten möchte ich mit Menschen lesen, von denen ich lernen kann, deren Kommentare und Gedanken mir Bereicherung sind. Dann sind auch Zeit und Wetter egal. Was für ein Buch, welche Bücher, welche Art von Büchern? Es gibt…

„I am alive!“

By Steve-g at en.wikipedia [CC BY-SA 2.5 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5) or Copyrighted free use], from Wikimedia Commons

Aaron ‚Wheelz‘ Fotheringham wurde mit einer Neuralrohrfehlbildung geboren. Das wird manchmal auch „offener Rücken“ genannt, weil die Nerven in einer Art Blase oder Zyste nach außen sichtbar werden. Bei Fotheringham sorgten die Schädigungen für Querschnittslähmung und ein Leben im Rollstuhl. Fotheringham ist WCMX-Rider und Stuntman. „I wanna be cool! I wanna be cool!“ hört man erst und dann rast er mit seinem Rollstuhl die Rampe herunter, macht einen Riesensatz und stürzt zu Boden, der Rollstuhl zerfällt, er liegt da und schreit: „I am alive!“ So stellt Fotheringham die Verbindung her, zum Leben, zur Welt. Um Barrieren dieser Art geht es in diesem…

Because we are your friends you’ll never be alone again

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Wenn man sich das Video zu Simians Song „Never be alone again“ ansieht und das auch noch auf ein Projekt überträgt, in dem es um gemeinschaftliches Lesen geht, könnte man das Freundschaftsversprechen auch für eine handfeste Drohung halten. Dass Lesen eine einsame Tätigkeit sei, mag für viele stimmen. Dass das für immer und ewig gilt, kann man aber als ebenso ideologisch vernachlässigen wie eine etwaige Prognose, dass es in Zukunft nur noch ein zwangsüberwachtes Social Reading geben wird, in dem einem ständig alle dazwischenquatschen. Wichtig ist zunächst vielmehr, dass es das Lesen von Literatur ohne ein Gespräch über diese Literatur nicht gibt.…