Mir gefällt, wie sich Dana Buchzik verabschiedet. Vermutlich gefällt es mir auch, weil sie das Soziale im Social Reading ernst nimmt und den Mitlesern ein Farewell! zuruft, so, wie man sich aus der Umkleidekabine von Mitschwitzern im Sport oder in der Kneipe von Mittrinkern in einem anderen Sport verabschiedet. Ich möchte daher auch ein Farewell! in die Runde rufen. Und wie Dana Buchzik für mich konstatieren, dass das betreute Lesen so seine Tücken hat. Ich habe etwa gestaunt, wie viel Kraft und Energie manche Leser auf Nachweise verwendeten – die Listen von Zitaten, Musikstücken und anderen Realien sind mit Akribie erstellt. Aber bringen sie mir das Buch näher, verändern sie meine Leseerfahrung? Nein, habe ich gemerkt, ebenso wenig wie der Vorläufer all dieser einfachsten aller Suchen, der Volltextsuche, im Akademischen, die Motiv- und Toposforschung und ihre Ableger.

Ich habe mich auch über die Verehrung gewundert, die Clemens J. Setz in manchen Beiträgen entgegenschlug. Und ich habe fast schon gerührt gelesen, dass Äußerungen des Meisters mit Ehrerbietung zitiert wurden. Social Reading, dachte ich, wäre viel eher eine Unternehmung unter Lesern als deren organisiertes Aufblicken zum Erfinder hinter dem Gelesenen.

All das hat mein Engagement stark gebremst, fast ebenso stark wie mein zunehmender Unwille gegenüber dem Buch. Ich war also mindestens ebenso wenig ein Vorzeigeteilnehmer des Social Reading wie Dana Buchzik. Doch ihre Hoffnung auf Leser, die sie zu begeisternden Stellen lotsen, habe ich nie gehegt. Die Hoffnung auf Leser, denen es mit dem Buch ähnlich ergeht wie mir (ob gut oder schlecht, wusste ich zu Anfang ja nicht), diese Hoffnung hatte ich allerdings schon – die Sehnsucht nach Gleichklang ist so alt wie verständlich (und nicht nur regressiv). Nun fiel meine Lektüre recht bald ziemlich schlecht gelaunt aus, und mir scheint, das Netz, zumindest das Social Reading ist für die Abneigung, das Missfallen, den Ärger, für die Kraft der Negativität kein passendes Gefäß: Nicht umsonst wird allerorten geliked, nicht misliked. Auch Dana Buchzik erhoffte begeisternde Begeisterung.

Mir scheint, ich war nicht der einzige, dem das Buch nicht gefiel. Dafür spricht die große Zahl von Teilnehmern am betreuten Lesern zu „Frau und Gitarre“, die sich nicht ein einziges Mal zu Wort meldeten. Unter ihnen dürften nicht wenige sein, die ihr Missfallen nicht eigens formulieren wollten. Nicht nur, um der Mühe zu entgehen, sondern auch, weil es im Netz ungewöhnlich ist. Wer in einer real existierenden Lesegruppe wenig begeistert vom Gegenstand der Lektüre ist, bekräftigt immerhin durch Anreise und Anwesenheit genug Interesse an einem Diskussionszusammenhang jenseits des einen Buches, das gerade auf dem Programm steht, mögen seine oder ihre Missfallensäußerungen auch noch so kräftig ausfallen. Im Netz steht die negative Äußerung allein für ein grundsätzlich vorhandenes Interesse, weshalb dieses dann meist noch einmal bekräftigt wird – das scheint notwendig, um sich nicht herauszukatapultieren aus der Gruppe der Mitleser, fast: um sich nicht ad absurdum zu führen. Warum auch sich die Mühe des Muffelns machen, wo das Gute doch so nah liegt! Im Zweifelsfall hilft ein Klick. Neue Website, neues Spiel.

Wenn das stimmt, hat die mediale Nachbildung einer Lesegruppe im Social Reading ihre Eigenheiten: Sie sammelt die Zerstreuten und das potentiell in aller Welt, ja. Aber die Sammlung geschieht punktuell, kontextabhängig, anlassbezogen, isoliert. Und sie richtet sich eher an die Aficionados, nicht an die Zweifelnden, noch weniger an diejenigen, die die Haare in der Suppe finden (der Literaturkritiker in mir möchte hier nicht „Kritiker“ schreiben: Wir loben auch!). Kurzum: Das Social Reading verhält sich zur lokalen Lesegruppe wie die Projektarbeit zum Angestelltendasein. Es passt in die neoliberale Zeit.

Wie verabschiedet man sich auf dem Dorf in Norddeutschland, wo zur Begrüßung gern „Hau rein!“ erschallt? Moritz von Uslar erzählt es in „Deutschboden“, einer Reportage über eine Expedition, die ihn ins raue Unbekannte nördlich von Berlin führte: “Rinjehaun!“