Scheinbar sinnlos früh aufgewacht an diesem Samstagmorgen, im Bett tastend zum Buch gegriffen und „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ endlich zu Ende gelesen. Ich bin danach mit einem seltsamen Gefühlsgemisch zwischen Melancholie, dumpfer Angst und Beklemmung aufgestanden. Derartige, so schwer zu beschreibende Stimmungen erzeugen nur gute Romane.
Es hat allerdings viele Wochen gedauert, bis ich an diesem heutigen Endpunkt der Lektüre angekommen bin. Es gab viele Pausen. Aber der Roman hat mich dann doch nicht mehr losgelassen. An irgendeiner Stelle in der Mitte des Textes war ich zunächst steckengeblieben. Das hätte das Ende sein können: Die fast tägliche Lehre hier in Kanada lässt einem wenig Muße. Ständig sind Seminarsitzungen vorzubereiten, andauernd ist daher anderes prioritär zu lesen. Oder der akademische Immigrant muss etwas von IKEA zusammenbauen. So gehen die Tage dahin: Bis ich es kürzlich endlich schaffte, mir eine Stehlampe für die Lektüre auf dem Wohnzimmersofa zu kaufen, das abends immer im Dunkeln lag, hat es drei Monate gedauert.
Was mich trotz alledem schließlich wieder in den Roman hineinzog, das waren ganz ähnliche Dinge wie sie bei mir hier vorkommen, wenn auch ganz anders gelagert. Es waren die Details in den Beschreibungen von Natalie Reineggers größtenteils belanglos verlaufendem Alltag. Die Darstellung dieser weitgehenden Ereignislosigkeit wurde zu einem echten Begleiter für mich. Hier entfaltet der Text seine besondere Sprachkunst, genauso wie in den richtungslosen iPhone-Kommunikationen, die die Protagonistin so liebt. Was an dem Text fasziniert, das ist das Nichts, um das dieser Roman herumgeschrieben worden ist. Die weite Ödnis, die insbesondere den mittleren Teil des Bands bestimmt, wird denn auch das sein, woran man sich erinnern und worüber man schreiben wird, wenn der Text einmal kanonisiert werden sollte. Natalies sexuelles „Streunen“ zu Beginn, auf das sich so viele Rezensenten sensationslüstern stürzten, zumal sie wahrscheinlich gar nicht weiter gelesen haben, ist für ein tieferes Verständnis dieses Textes letztendlich Makulatur.
Was im Gedächtnis bleiben wird, ist das kleine Wunder, dass hier der „Nachsommer“ Adalbert Stifters in einer neuen Version wieder aufgelegt worden ist, als Zeitbild auf den postmodernen Nenner der Social-Media-Kommunikation gebracht: Nichts ist Setz zu klein, nur dass hier eben keine mittelalterlichen Handwerkszeuge restauriert werden, sondern dass der Alltag im Betreuten Wohnheim ewig wiederkehrt, wo Alexander Dorm dauernd nur „ja, Chris“ sagt und Natalie nach Feierabend ihre manische „Nonseq“-Kommunikation mit Markus und anderen pflegt.
Warum dann aber die plötzliche Gewaltexplosion am Ende, nach diesem ewigen Trott, nach der kaum menschenmöglichen Selbstbeherrschung Christoph Hollbergs? Vielleicht, weil der Roman irgendwann dann doch auch einmal zu Ende geschrieben werden musste. Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Nichts in diesem Text ergibt Sinn. Niemand handelt rational. Schon gar nicht Natalie, die an ähnlich nervöse Borderline-Frauengestalten gemahnt, wie sie in den letzten Jahren in den Romanen Olga Grjasnowas, Lisa Kränzlers oder auch Helene Hegemanns aufgetreten sind. Nicht zu vergessen: bei Charlotte Roche. Diesmal ist allerdings ein Mann der Autor.
Die einzige Figur, die in diesem Roman möglicherweise Sinnvolles schafft, indem sie kunstvolle Spiegelungen der verzerrten Realität dieser erzählten Welt erzeugt, der „Klient“ Mike, ein hirngeschädigtes Genie, das nachts regelmäßig unglaubliche Bilder an seine Zimmerwände malt, die im Plot ähnlich mystisch aufgeladen erscheinen wie das „Necronomicon“ bei H. P. Lovecraft oder der „Navidson Record“ in Mark Z. Danielewskis „House of Leaves“. Diese immer wieder beschworenen Bilder können wir aber nicht sehen, wir können uns sie auch kaum vorstellen, weil der Text so gut wie nichts über sie verrät.

Mehr kann ich an diesem Morgen, nach Beendigung der Lektüre, erstmal nicht mehr über „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ schreiben. Vielleicht nur soviel: Ich bin tatsächlich sehr dankbar, dass mich Guido Graf dazu gebracht hat, meinen ersten Setz-Roman zu lesen. Das Buch ist eine Entdeckung. Seine weitgehende Ereignislosigkeit ist gerade seine Stärke, nicht aber die fadenscheinige ‚Thriller‘-Geschichte, um die herum es geschrieben wurde. Das sollte nicht so schwer zu verstehen sein.