KW: Sie schreiben doch auch an einem Essayband.

CS: Ja, ich habe zumindest viele Essays geschrieben. Das Schönste ist, wenn man über Dinge schreibt, von denen man verzaubert ist, die aber nur wenige Leute kennen. Ich habe eine Idee für einen Essayband, der ein übergreifendes Thema hat. Mein Thema wären Zeitkapseln, Dinge, die verbuddelt und wieder ausgegraben werden, Räume, die versiegelt werden. Viele meiner Essays haben so eine Zeitkapseldimension. Es sind eigentlich kaum welche veröffentlicht. Im Internet gibt’s Zeitkapseln und verschiedene Projekte dazu. Meine Lieblingsautoren haben häufig etwas Essayistisches oder sind selbst große Essayisten. Oder manche Autoren schreiben nur einmal einen Essay, wie Kafka über die Aeroplane in Brescia, der hinreißend und merkwürdig ist. Oder mein Lieblingsessay von Nicholson Baker über die Dinge, die auf Flugzeugflügeln stehen. Sein Titel ist „No Step“ im Buch „The Way the World Works“. Ich hab geheult am Ende, so wunderbar ist er.

Was ist mit poetologischen Essays zum eigenen Schreiben und Werk oder einer Poetikvorlesung?

Ich muss mal überlegen, ob ich das schon gemacht habe. Manchmal ist das implizit mit dabei. Ich erwähne es hier und da.

Wie in so einer Poetikvorlesung zum Beispiel …

Ah, das könnte ich nicht. Manchmal kann das schon sehr interessant sein. Ich denke an die wunderbaren Poetikvorlesungen von Ernst Jandl. Es ist großartig, wenn das jemand kann. Die einen Autoren fragt man und andere sollen einfach ihr Werk machen und möchten nicht gestört werden darin. Und manche möchten auch keine Vorträge halten. Ich habe nichts gegen einen Vortrag, aber ich hätte nie solche Ausführungen über mich selbst gemacht. Einmal habe ich in einem Aufsatz in Volltext über Donald Barthelme und seinen Einfluss auf mich geschrieben. Er war Teil der Reihe über die verlorengegangenen Meisterwerke, die jetzt abgeschlossen ist, weil ich es nicht abbrechen wollte, wenn es langweilig wird. Bei Barthelme fand ich toll, dass er eine Idee pro Text hat, zum Beispiel plötzlich taucht ein Ballon in einem Text auf und man denkt sich: großartig. Je weniger diskursiv-prosaisch ein Werk ist, desto interessanter ist so eine Poetikvorlesung, wenn ein Autor das mal probiert. Wenn ein Autor sehr nah am gesellschaftlichen Geschehen schreibt, denkt man oft: Wofür jetzt auch noch so viele Selbstauskünfte?

Weil Sie Jandl erwähnt haben: Dies ist ja, wie Sie schon einmal schilderten, eines Ihrer Initiationserlebnisse in die Literatur gewesen.

Es war eines der ersten Erlebnisse mit Literatur, bei dem ich mir gesagt habe: Das ist doch ungewöhnlich, dass so was geht, dass man bei einem Gedicht zu Tränen gerührt werden kann.

Haben Sie denn eigentlich heute schon geschrieben?

Sicher. Ich muss mich nicht dazu zwingen. Es ist kein hartes Regiment, falls es aus irgendeinem Grund einmal nicht geht. Falls ich mich nicht wohl fühle, geht es eben nicht.

Sie schreiben aber wirklich ab fünf Uhr früh?

Ja. Im Winter ist es nicht ganz so früh, da bleibe ich etwas länger liegen. Es hängt von meiner Katze ab. Sie wird meistens gegen fünf Uhr wach und ich dann auch.

Ist sie beim Schreiben dabei?

Nein. Sie kümmert sich um ihre eigenen Projekte in der Wohnung. Aber heute war’s etwa sieben Uhr. Fast schon etwas zu spät. Entstanden ist es eigentlich durch mein Studium damals. Ich musste ganz in der Früh aufstehen, um überhaupt noch irgendwas zu schaffen.

Sie haben Ihr Studium nicht abgeschlossen?

Nein, leider nicht. Ich war gerade am Ende und hatte schon das Gespräch über das Thema meiner Abschlussarbeit. Dann habe ich nicht mitbekommen, dass eine Lehrplanreform geschehen war und dass man mir zwanzig Stunden aberkannt hatte, die nicht mehr anrechenbar waren. Es gab eine Äquivalenzliste von altem und neuem Stundenplan, völlig sinnlos. Dann hätte ich noch drei Semester studieren müssen. Das hat mich sehr demotiviert. Mein erster Roman erschien zu dieser Zeit, und ich dachte mir, ich mache eine Studienpause so ein halbes Jahr etwa. Dann hab ich noch was drangehängt. Bis 29 dachte ich mir immer, ich muss fertig studieren. Mittlerweile ist mein Studium zur Gänze verfallen. Schade. Aber Lehrer wäre für mich sowieso das Falsche gewesen. Aber ich hätte es schon fertigmachen sollen. Allzu viel denke ich aber auch wieder nicht dran.

Lesen Sie eigentlich hauptsächlich englischsprachige Literatur, da Sie sich in diesem Metier zwischen Samuel R. Delany, Thomas Pynchon und David Forster Wallace besonders gut auskennen?

Schon, weil ich die Sprache gut kann. Mein Französisch ist nicht schnell genug. Ich muss immer viele Wörter nachschauen. Andere Sprachen kann ich noch schlechter: Beim Italienischen brauche ich noch länger. Wenn ich versuche, eine Kurzgeschichte von Tschechow zu lesen, muss ich jedes fünfte Wort nachschauen. Es ist fürchterlich. Alles außer Englisch kann ich nicht gut, aber jetzt lerne ich gerade Niederländisch zum Spaß, und Schwedisch möchte ich dann auch wieder mal auffrischen.

Sie sind sprachbegabt.

Begabt nicht, aber ich find es angenehm. Vielleicht ist das eine gewisse Begabung, wenn man’s freiwillig tut. Trotzdem bin ich kein polyglotter Mensch, weil ich es nicht so lange behalten kann. Vom Englischen kann ich ins Deutsche wenigstens gut übersetzen. Mein Lesen der englischsprachigen Literatur hat auch damit zu tun, dass es gut ist, keinen deutschen Sound zu lesen, wenn man selbst an einem deutschen Text intensiv arbeitet. Gerade eben habe ich ein Buch gelesen, das ganz phantastisch war, eines für die Zeitschrift New Yorker von einem Schriftsteller namens Hilton Als. „White Girls“ ist der Titel. Es sind lauter Essays nach der New-Yorker-Tradition zwischen Autobiographischem und Cultural Criticism. Dann lese ich diesen speziellen Sound, der sich aber nicht auf meine deutschen Formulierungen niederschlägt. Wenn man Sebald liest, kann man einen Tag nicht mehr anders denken als in diesen Sätzen.

Lesen Sie jemandem Ihre eigenen Sachen vor?

Nein, nein. Ich verstehe auch nie, wenn Autoren sagen, ihre Frau sei der erste Leser, was ihr nicht gefalle, fällt raus. Ich möchte keinem Menschen eine solche Macht geben, die dieser vielleicht gar nicht will. Eine komische Aufgabe von eigener Verantwortung. Ich verstehe es bei Leuten, die geniale Leser sind. Kathrin Passig ist angeblich eine solche Leserin, die jeden Fehler hört.

Wie läuft es mit Ihrem Theaterstück, an dem Sie schreiben?

Ja, ich schreibe was Längeres. Über Tinnitus. Ich habe oft beschrieben, dass ich das selbst habe, und dann gab’s immer Reaktionen darauf, die sonderbare, enigmatische und aufbewahrenswerte Szenen waren. Ich habe ein paar davon aufgeschrieben und dachte mir, dass es eigentlich Theaterszenen sind, die nachgespielt gehören. Ich habe das Stück halb fertig. Das Problem ist, dass meine Idee wäre, dass ab dem Beginn des Stücks in der gesamten Länge ein kontinuierlicher Pfeifton eingespielt wird, so dass man drei Stunden hört, was ich höre. Vielleicht ist es auch unfair. Wozu die Leute quälen? Das wäre eine echte Publikumsbeschimpfung. Die bei Handke ist ja so poetisch. Eine wirkliche Beschimpfung müsste sich bis zur Langeweile wiederholen. Mein Theaterstück wäre eine Publikumsbelästigung.

Aber Sie bleiben doch dran an dem Projekt?

Ja, schon. Andererseits … Ich habe jetzt auch ein Drehbuch geschrieben. Eine eigene Geschichte. Aber es ist so weit entfernt von einer Realisierungsmöglichkeit, doch ich würde mich freuen. Aber vielleicht druckt man’s mal als unaufführbares Lesedrama.

Haben Sie einen Buchtipp? Was unbedingt lesen?

Mir fällt immer zu viel ein. Dann blockiert alles und mir fällt gar nichts mehr ein.

Die Lieblingsbücher des Mathematiklehrers Clemens Setz in „Indigo“? Eines davon trägt den Titel „Die Känguruhhefte“ …

Ja, das sind alles meine Lieblingsbücher. – Es ist gibt einen japanischen Roman, der nur auf Französisch übersetzt ist. Er heißt „Yapou“ und wurde geschrieben von Shozo Numa. Der Autor ist so eine Pynchon-Figur, und hat nach nur einem Buch zu schreiben aufgehört. Es ist das wahrscheinlich Extremste und Ungewöhnlichste, was ich je gelesen habe. Der Untertitel lautet „bétail humain“: Menschliches Vieh. Es sind drei Bände, um die zweitausend Seiten. Ich würde empfehlen, dass das ins Deutsche übersetzt wird. Es gibt nichts Vergleichbares. Vom Wikipedia-Eintrag bekommt man leider den Eindruck, dass es nur eine große SM-Phantasie ist, Marquis de Sade umgekehrt. Es spielt in der Zukunft, in der alle Japaner als Yapous gezüchtet werden. Es klingt schockfaktormäßig, ist es aber nur am Anfang. In bestimmten Passagen wird es übermäßig poetisch, eine Poesie, die einen förmlich aufbläht und verrückt macht unter der Oberfläche einer übertriebenen Sci-Fi-SM-Welt. Es ist ein Buch, das einen vollkommen verändert. – Ein besserer Tipp wäre Michel Faber, gebürtiger Holländer, der in Australien aufgewachsen ist und nun in Schottland lebt. Nicht erschrecken: Sein Buch sieht aus wie ein historischer Roman, 1200 Seiten aus der viktorianischen Zeit; die Hauptfigur ist eine Prostituierte. „Das karmesinrote Blütenblatt“. „Crimson Petal and the White“. Auch ein kitschiger Titel. Versuchen Sie das mal zu lesen. Es wird sicher ein lustiges Erlebnis. Der Anfang ist merkwürdig, weil dauernd der Leser angesprochen wird.

Spielt Freiheit für sie eine Rolle? Eine große Frage, ich weiß.

Wirklich eine große Frage. Aber interessanter als diese Frage ist ja die, wieso ich in der Position bin, so eine Frage gestellt zu bekommen. Ich weiche etwas aus. Aber: Welche Menschen werden gefragt, welche nicht? Ein Großteil der Menschen wird ja gar nicht gefragt. Sonst sind solche Fragen ein Ordnungsinstrument für Menschen, denen man diese Frage zutraut, und die, die man nie fragen würde. Vielleicht wäre mehr Freiheit da, wenn man nicht fragen würde. Aber es ist auch mal gut, wenn ich einfach zugebe, dass eine Antwort vermessen wäre.