Jochen Kienbaum, geboren 1962, Studium der Theaterwissenschaften, der Neueren Deutsche Literaturwissenschaften und der Kunstgeschichte in Erlangen, während des Studiums »Pionierarbeit« im Privaten Rundfunk Bayerns, seit 1990 tätig als TV-Newsreporter in Berlin, Leipzig und London, seit 1994 Reporter und Nachrichtenredakteur bei der Berliner Abendschau des rbb (vormals SFB). Buchbesessen seit Kindesbeinen, Bücherfresser auf der Borderline zwischen bibliophil & biblioman, betreibt seit vielen Jahren (mit schwankender Regelmäßigkeit und Aktivität) den Literaturblog Lustauflesen.de.

Mit wem würden Sie gerne ein Buch zusammen lesen?

Mit Marcel Reich-Ranicki, aber das geht ja leider nicht mehr. Denis Scheck wäre eine Alternative, ich mag seine dralle, pralle Art. Keinesfalls möchte ich ein Buch (ausschließlich) mit dessen Autor_in lesen. Das wäre zu anstrengend, fürchte ich.

Mit wie vielen? Wann, zu welchen Tageszeiten, Wochentagen, Jahreszeiten?

Als Quartett (also mit drei ausgewählten, lieben Mitmenschen) in winterlicher Abgeschiedenheit mehrere Tage lang ein Buch gemeinsam konzentriert zu lesen und zu diskutieren, das könnte mir gefallen. Im Sommer eher nicht, schon gar nicht am Strand in praller Sonne.

Was für ein Buch, welche Bücher, welche Art von Büchern?

Einen anspruchsvollen Roman, gerne auch Klassiker, auch bedeutende philosophische Texte. Sachbücher gerne (oder nur) mit ausgewiesenen Kennern der darin behandelten Materie. Ratgeber keinesfalls.

Mit welchem Buch wäre so etwas wie Social Reading nicht möglich – und warum?

Das kann ich nicht wirklich beurteilen, dazu bin ich mit Social Reading noch nicht vertraut genug; ich denke aber, mit jedem Buch ist das theoretisch möglich, wenn sich Leser finden, die das Sujet, das Genre oder das thematische Umfeld des Buches interessiert.

Was sind die Voraussetzungen, die ein Buch mitbringen muss?

Es muss mich anziehen,  ein wenig herausfordern sogar, sprachlich fesseln und Türen aufstoßen in Bereiche, die mir neu oder zumindest wenig vertraut sind. Ab und zu darf mich ein Buch aber auch einfach nur gut unterhalten.

Mit wem reden Sie sonst über das, was Sie lesen? Wann und wie oft und in welcher Form?

Täglich mit meiner Frau, die mit mir Wohnung, Bibliothek und Literaturgeschmack teilt, letzteren zumindest weitestgehend. Der Austausch mit ihr reicht von kurzen beiläufigen Wertungen bis hin zu heftigen Diskussionen. Weit weniger regelmäßig rede ich mit Bekannten und Kollegen über Bücher, in der Regel geht das Gespräch über Empfehlungen und „Kurzkritiken“ nicht hinaus. (Die Bloggosphäre, in der ich mich als (steckenpferd reitender) Literaturblogger bewege zählt hier nicht, oder?! Dort wird rund um die Uhr via FB und Twitter über Bücher, Autoren und Literaturthemen diskutiert, manchmal auch nur geplaudert.)

Worum ging es zuletzt in solch einem Bücher-Gespräch?

Mit meiner Frau? Erst kürzlich wieder mal darum, ob Arno Schmidt „blöde“ ist und nur was für (alte) Männer.  Im Kollegenkries jüngst: ist das, was Knausgård schreibt, Literatur oder nicht.

Lesen Sie mit dem Stift in der Hand, haben Sie Zettel, Lesezeichen, Eselsohren? Twittern Sie gleich, was Ihnen bei der Lektüre einfällt?

Lesezeichen, ein großes für den Stand der Lektüre, viele kleine für bemerkenswerte Stellen, die ich ohne sie nie wiederfinden würde (das Gedächtnis läßt nach). Eselsohren? Keine ernstgemeinte Frage, oder? Mit einem Stift Stellen im Buch markieren? Nein, eigentlich nicht; allenfalls in Ausnahmesituationen und bei Sätzen mit elementarer Wucht. Ich kritzel aber nebenbei in ein Immer-Dabei-Notizbuch Seitenzahlen, Gedankenfetzen, einzelne gelungene Sätze oder Bilder. Jeden bemerkenswerten Satz gleich rauszuhauen bei Twitter, dazu bin ich zu scheu, gelegentlich schicke ich aber mal einen los. Bei Facebook teile ich durchaus in größeren Etappen den Fortgang und die aktuelle Einschätzungen zu einer Lektüre mit. (Aber längst nicht bei jedem Buch.)

Was nervt Sie in Ihrem Lesezirkel, Buchkreis, Ihrer Social-Reading-Gruppe am meisten?

Keine Ahnung; so was wie das hier mache ich zum ersten Mal. Wenn wir durch sind mit der Frau und der Gitarre, dürfen Sie nochmal nachfragen…

Lesen Sie die Kommentare und Beiträge der anderen Teilnehmer?

Ja, aber ich hänge derzeit hoffnungslos hinterher. Es fehlt ein wenig die Zeit. Spätestens nach der Buchmesse grätsche ich dann voll rein, versprochen.

Warum wollten Sie Clemens Setz lesen?

Weil alle Setz lesen. Quatsch!. Nein, ist tatsächlich so, ein wenig. Den Ausschlag gab letztlich die Einladung zum hiesigen »Betreuten Lesen«, das hat mich sofort gereizt und die Entscheidung für das neue Buch von Clemens Setz war gefallen. Obwohl, die Aussicht auf 1000 Seiten hat mich anfangs nervös gemacht. Was passiert, wenn das Buch gräßlich ist und ich mich unsagbar quälen muss? Ist aber nicht so und jetzt flutscht es, die Nervosität ist verflogen. Der Roman erfüllt die Voraussetzungen für ein gutes Buch (siehe oben).


Sie haben drei Wünsche an den Social-Reading-Flaschengeist frei:

1. Mehr Dialog, weniger Monolog.  Aber da muss ich mich auch an die eigene Nase packen.
2. Heb ich mir auf für später.
3. Wunsch drei stelle ich am Ende, wenn es zu spät ist.

Welche Fragen hätten hier noch gestellt werden sollen?

Menschen, denen »Social Reading« gut gefällt, machen auch … ?