KW: Für Sie wäre so ein Internettagebuch nichts?

CS: Das weiß man nicht. Ich kann nicht sagen, was ich tue, wenn das Leben zu Ende geht. Ich habe schon einmal gedacht, ich wäre schwer krank. Es war der Fehler eines Arztes, der zwei Werte vertauscht hat. Es war Gott sei Dank nicht so. [Blickt aus dem Fenster:] Ich sehe gerade ein Tandem; schön …

Sie haben doch auch eines.

Ja. Graz hat den Vorteil, dass es viele Radwege gibt. [Erschrocken:] Ist das jetzt schon ein Interview?

Alles, was Sie sagen, wird eingebaut. Darf ich noch einmal fragen, wie Ihre Arbeitsorganisation aussieht?

Ich hab Notizbücher und Notizhefte. Große Hefte, und ich schreibe zwischen die Kästchen eine oder sogar zwei Zeilen. Ich schreibe sehr klein. Es ist langsamer und trotzdem angenehm schnell. Ein bisschen so wie diese alten Nadeldrucker, die dieses elektrische Geräusch machen [ahmt das Geräusch nach], dieses Seismographische. Es hat dann etwas von seismographischen Nadeln. Es ist sehr angenehm. Meinen allerersten Roman habe ich so mit der Hand geschrieben. Es war der erste Versuch, und ich glaube auch, dass er nicht ganz fertig war. Es war aber eine große Menge an Text.

Haben Sie ihn nicht transkribiert?

Nein, habe ich nicht. Er bleibt so und ist unpubliziert. Ich habe es mal umgerechnet; er müsste mindestens tausend Seiten haben im Druck. Mittlerweile skizziere ich das meiste mit der Hand und habe den Laptop nebendran. Ich schreibe den ungefähren Verlauf einer Szene auf oder nur einen Satz. Ich bekomme fast ein schlechtes Gewissen, darüber zu reden, weil es so banal ist.

Mich interessiert diese Thematik des Schreibens wirklich sehr.

Lange Szenen formuliere ich dann meist am Computer aus. Oder, was in der letzten Zeit oft passiert – ich habe es mir abgeschaut von Nicholson Baker, der seine Bücher sich selbst diktiert und sie dann abschreibt. Teils mache ich das nun auch so: Sein letztes Buch „Travelling Sprinkler“ hat er sich beim Autofahren diktiert. Nun hab ich mir also auch angewöhnt, Ideen aufzunehmen auf iPhone und sie dann zu extemporieren oder Dialoge so durchzuexerzieren. Das geht viel leichter. Ich hätte früher darauf kommen sollen. Ich erzähle privat auch gerne etwas mit verstellten Stimmen. Die Hauptarbeit ist aber am Computer, und ich stehe viel auf, gehe herum, spreche mit mir selbst.

Drucken Sie die Sachen dann gleich aus?

Nein, eher nicht.

Aber Sie speichern doch wohl auf interne Festplatte ab.

Ja, das ist wichtig. Ich habe eine Gmail-Adresse und schicke die Dateien dorthin. Ich habe mit meinem alten MacBook schon einmal einen Head-Crash erlebt. Plötzlich kam dieses Spinning Wheel of Death, der Mauszeiger wird zu einem sich drehenden Farbrad. Ich dachte, der Computer hat sich aufgehängt, und ich hab ihn ausgeschaltet und wieder ein. Es kam nur ein dunkler Bildschirm und der Begrüßungsakkord, aber er hat nur ein leises Ticken von sich gegeben. Ich habe ihn nochmal aus- und eingeschaltet, und das war mein Fehler. Das Ticken ist das Schabgeräusch des Lesekopfs der Festplatte, der diese zerschabt. Wenn man es immer wieder anschaltet, macht man die Festplatte physisch kaputt. Meine literarischen Sachen hatte ich noch woanders gespeichert. Die Erzählungen wären sonst alle weg gewesen.

Die waren also noch nicht publiziert?

Nur teilweise, und inzwischen sind es auch Hunderte. Es ist wenig veröffentlicht, weil ich generell viel schreibe.

Wie ist Ihr weiterer Fahrplan?

Nun erscheint als nächstes der Gedichtband, aber der ist nur kurz. Das war eine lustige Idee, weil ich so viele Gedichte habe, aber eigentlich immer dem Lyrikbetrieb ferngeblieben bin, weil mir diese ganzen Poesiefestivals so merkwürdig vorkommen. Deutschsprachige Lyrik hat auch etwas total Nerviges, auch wenn das überheblich klingt. Ich merke, dass der Fehler bei mir ist, aber ich kann 90 Prozent aller Gedichte nicht lesen. Es ist ein prätentiöses, celanmäßiges Zeug, verrätselte Bekenntnisse und immer „Du sagst / Sagst du“. Es hat immer so einen sprachkritischen, sich selbst hinterfragenden Ton, obwohl das nichts Schlechtes ist. Aber das ist der Kitsch der heutigen Zeit. Wie früher Waldesrauschen und Regen und Naturmystik ist heute die Sprachhinterfragung immer noch da, obwohl das schon lange vorbei ist. Und vielleicht wird dann auch noch ein Radiohead-Zitat eingebaut.

Wie würden Sie Ihre Sachen da eingruppieren?

Oh, ich spiele gar nicht in dieser Liga. Meine Gedichte sind nur harmlose Strohsterne, kleine Spielereien. Ich bilde mir nichts drüber ein. Viele sind nur Fundstücke und historische Kuriositäten. Alte Briefstellen bei Darwin, Ausschnitte aus einem Biologiebuch, kleine Essays im Grunde, die so geschrieben sind, damit man sie langsam liest. Ich kann es nicht besser als die von mir gedisste Lyrik. So Facebookpostings. Aber es macht mir Spaß, solche Gedichte zu schreiben.

Welches Ihrer bisher publizierten Werke ist das für sie bedeutendste?

Ich wüsste nichts „Bedeutendes“, was ich je geschrieben habe. Das noch Unveröffentlichte ist ganz einfach geschrieben, eine einfache Geschichte. Sonst wirke ich dem Leser immer so entgegen, und er muss so viel tun bei mir. Dinge zusammenbauen, es gibt Sprünge. Am fremdesten ist mir jetzt mein Debüt „Söhne und Planeten“. An einiges in den „Frequenzen“ denke ich mit einer gewissen Nostalgie. – Mein Plan ist nur das Buch, an dem ich jetzt gerade schreibe. Dieser Roman ist fast fertig, befindet sich in den letzten Monaten. Er ist um die 900 Seiten. Ich hoffe, ich kann ihn noch etwas straffen. Ich habe so acht oder neun Romane zuhause liegen, die in verschiedenen Stadien stecken. Manche ruhen schon länger und wollen noch leben. Wie gesagt, drei sind in Hauptarbeit. Es ist wie bei den parallelen Downloads von iTunes: Man kann sich mehr als einen erlauben. Aber drei ist eine gute Zahl für eine normale Geschwindigkeit. Mein Plan ist nur, das zu Ende zu machen, und hoffentlich kann man es veröffentlichen.

Wie halten Sie das in der morgendlichen Arbeit auseinander? Gibt es einen Plan?

Nein, den gibt es nicht. Die Frage ist komplexer als ihre Antwort. Man tut das, wonach es einen verlangt. Man hat z.B. zwei Katzen zuhause, und die wuseln durchs Zimmer und sind in der Stimmung, mit mir zu spielen. Ein paar Spielzeuge liegen am Boden: Welches nimmt man? Beim Schreiben ist es genau dieselbe Frage. Um Non-Bullshit zu reden: Dass das eine Arbeit ist, was ich mache, ist eigentlich nicht selbstverständlich. Dass man mir Geld bezahlt, ist ein arbiträrer und unerklärlicher Zustand. Das bleibt er auch, es sei denn, dass plötzlich eine Publikation eine Bedeutung hat in der Welt. Dass ich dafür Geld bekomme, ist eine temporäre und höchstwahrscheinlich vorübergehende und befristete Angelegenheit. Also ich will mich in dieser Sachlage nicht auf eine Arbeitsphilosophie festlegen. Ich kann es nicht so empfinden, als ob ich hier eine Aufgabe hätte. Es ist nur ein Hobby, und ich werde dafür bezahlt, was ein unfairer, privilegierter Zustand ist. Es ist wirklich witzig, dass mir etwas, was so wenig bedeutet, so viel bedeutet. Mir bedeuten oft Dinge ganz viel, die sonst niemandem etwas bedeuten. Deshalb fühle ich mich auch beschämt, wenn Sie nach mir fragen. Man fühlt sich wie ein Hochstapler.

Sie haben unlängst auf Christian Kracht eine Laudatio gehalten. Kennen Sie ihn schon länger?

Nein, ich habe ihn letztes Jahr kennengelernt. Im selben Jahr habe ich für zwei Autoren eine Laudatio gehalten, einmal für Art Spiegelman beim Unseld-Preis und für Kracht. Dass Christian Kracht letztes Jahr seinen ersten Preis bekommen hat, ist ja schon seltsam. Er ist ein viel größerer Autor und müsste mehr Preise bekommen.

Haben Sie sich beteiligt an der Debatte über Christian Kracht? Ihre Rede ist ja im Debatten-Band abgedruckt.

Ich bin in der Laudatio kurz darauf eingegangen, aber sie war so unfair, diese Debatte, durch eine extreme Lesart. Es ist ärgerlich, dass manche Stimmen solch ein Gewicht haben.