Er stand auf der Longlist des deutschen Buchpreises, aber gewonnen hat er einen anderen Preis. Vor ein paar Tagen hat Clemens Setz den mit 30.000 Euro dotierten Wilhelm-Raabe-Preis für „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ bekommen. Die Jury meinte: Setz entwirft in seinem Roman mit großem Sprachwitz einen Thriller, mit zahllosen Bezügen zur Hoch- als auch Populärkultur“.

Aha, dachte ich mir – das war also ein Thriller. Habe ich gar nicht mitbekommen. Ich muss dann wohl an den spannenden Stellen kurzfristig eingenickt sein und habe dabei anscheinend auch den großen Sprachwitz gleich mit verschlafen. Ich gebe ja zu, dass ich bei der Lektüre nicht immer voll konzentriert war. Die langatmigen Dialoge, ausführlichen Zustands- und Tätigkeitsbeschreibungen und die am Ende im Nichts endenden Gedankengänge der Protagonistin haben mich beim Lesen stellenweise doch sehr ermüdet. Aber ich bin dran geblieben, habe mich Abend für Abend wach gehalten, hier und da einen dieser hochgelobten Bezüge gefunden und an der einen oder anderen Stelle über eine gelungene Formulierung geschmunzelt. Und das ist doch schon was. Wenn ich ein Buch mit über 1.000 Seiten wirklich bis zum Ende lese, dann kann es schon mal nicht richtig schlecht gewesen sein. Aber es war leider auch nicht richtig gut.

Oder sagen wir es so – es hat mich nicht erreicht. Ich habe es gelesen, ich habe es verstanden, aber es hat mich nicht berührt. Und wenn ein Buch mich auf dieser Ebene nicht anspricht, in mir nichts zum Klingen bringt, dann kann es noch so gut geschrieben sein, mit tausend Bezügen und Sprachwitz ohne Ende – dann lege ich es aus der Hand und denke: so what? Kann man lesen, muss man aber nicht.

Doch jetzt habe ich schon wieder mein Urteil vorweggenommen und keine vernünftige Begründung geliefert. Was heißt denn „es hat mich nicht erreicht“? So ein dumpfes Bauchgefühl raushauen, kann ja jeder. Mit Literaturkritik hat das natürlich wieder einmal nichts zu tun. Ich muss da immer an die eine Szene aus dem Film Amadeus denken, in der Mozart den Kaiser nach seiner Meinung zu seiner Komposition befragt. „Zu viele Noten“, lautet die unqualifizierte Antwort. „Streichen sie ein paar Noten und es ist gut“. So absurd es klingt, aber fast würde ich Clemens Setz den gleichen Tipp geben: „Zu viele Buchstaben, zu viele Wörter und Seiten. Streichen sie einfach ein paar Seiten, dann ist es gut.“

Ja, ich glaube das ist mein Problem mit diesem Werk. In meinen Augen ist der Roman für die Geschichte, die er erzählt, einfach zu lang. Aufwand und Nutzen stehen in keinem Verhältnis. Alles wirkt gedehnt, gestreckt, verlängert. Clemens Setz verliert sich in der Geschichte und kommt mir vor wie Forrest Gump, der mit dem Football im Arm einfach läuft und läuft, weit über die Ziellinie hinaus. Jemand hätte ihn einfach aufhalten sollen.

Denn spätestens ab Seite 300 hat man kapiert, wie die Romanfiguren ticken und braucht nicht noch einen Beleg, um zu wissen, dass Natalie in vielfacher Hinsicht gestört und angstgesteuert ist, dass Herr Dorm Täter und gleichzeitig Opfer ist und der gute Christopher Hollberg ein falsches Spiel spielt. Man hätte die Spannung bis Seite 400 noch etwas steigern und ab Seite 500 zu einem befreienden Ende führen können. Mir persönlich hätte das vollauf gereicht.

Aber nein, Clemens Setz mag es gerne ausführlich und bietet seinen Lesern auf weiteren 500 Seiten hier noch einen Charakterschnipsel, da noch eine skurrile Begebenheit und ein paar zusätzliche Skype Messages zwischen Natalie und Ihrem Exfreund vor dem Einschlafen. Das kann man so machen, aber dann ist eben lang und birgt die Gefahr, auch schnell langweilig zu werden. Aber darauf legt es Setz scheinbar an, oder es ist ihm egal. Er will seine Leser fordern, sie müssen da durch, sollen sich reiben, lesen bis ihnen die Augen brennen, bis sie nicht mehr können, bis sie das Gefühl haben, diese Leute da im Roman schon ewig zu kennen, mit dabei zu sein, so wie ein ganz normaler Arbeitskollege von Natalie. Wir treffen uns Morgens zum Frühdienst, Herr Dorm hat schlecht geschlafen und ins Bett gemacht, Astrid und B unterhalten sich in der Küche, es wird Kaffee aufgesetzt und ein wenig später kommt Herr Hollberg. Oh je, schnell noch wappnen und dann zum Spaziergang nach draußen.

Ja, ich muss zugeben, dass es funktioniert. So sehr man sich auch sperrt, irgendwann taucht man ein in diese triste Romanlandschaft. Es passiert kaum etwas, schon gar nichts, was in irgendeiner Weise an einen Thriller erinnert –mit Ausnahme vielleicht des Showdowns am Ende. Aber trotz aller Ereignislosigkeit bin ich nicht ausgestiegen. Weil es gut geschrieben und authentisch ist, weil man wissen will, was aus Dorm und Hollberg wird, weil diese ganzen Marotten von Natalie auch irgendwie spannend und unterhaltsam sind. Und wer Spaß daran hat, den ganzen versteckten Bezügen auf den Grund zu gehen, bei Google zu schauen, was es davon wirklich gibt und was sich der verrückte Setz wieder einmal nur ausgedacht hat, der wird diesen Roman noch mehr wertschätzen. Ja, ich kann verstehen und akzeptieren, wenn „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ als literarisches Meisterwerk hochgelobt wird.

Mir hat trotzdem etwas gefehlt. Ich konnte mich mit keiner der Romanfiguren identifizieren, da war nicht ansatzweise einer, der sich dafür anbot. Und so blieb ich als passionierter Identifikationsleser einfach außen vor. Alles passierte bei mir nur im Kopf. Ich habe kapiert, was gemeint war, aber ich habe es nicht verstanden. Habe alles als stiller Beobachter verfolgt, im Souterrain mit am Tresen gesessen und dem Gequatsche zugehört und immer gedacht: „Alles schön und gut. Aber jetzt komm mal langsam zum Schluss, lieber Clemens Setz. Ich habe da noch ein paar andere Bücher, die ich lesen möchte“.

Am 03.11.2015 veröffentlicht auf Buchrevier.com