Thomas Hummitzsch, geboren 1979, Studium der Germanistik, Politik, Soziologie, Geschichte in München, Berlin und Paris, seit 2007 freier Kritiker Literatur, Sachbuch, Comic, Film (SZ, Rolling Stone, taz, Freitag, Tagesspiegel, Die Welt, Jüdische Allgemeine, Kulturaustausch, Gazette, Alfonz), 2013 Gründung des eigenen Blogs Intellectures.

Mit wem würden Sie gerne ein Buch zusammen lesen?

Ich würde mal wahnsinnig gern ein Buch mit Roberto Bolaño und seinen Übersetzern Heinrich von Berenberg und Christian Hansen lesen. Am liebsten »Die wilden Detektive«, um mit ihnen dem Tohuwabohu des viszeralen Realismus nachzugehen. Es würde mir dabei gar nicht mal um das Entschlüsseln der unzähligen Querverweise zur lateinamerikanischen Literatur gehen, sondern einfach nur um das Schwelgen in der Sprache sowie darum, den losen Enden, die da aus dem Roman flattern, hinterher zu lauschen und mich inspirieren zu lassen.

Mit wie vielen? Wann, zu welchen Tageszeiten, Wochentagen, Jahreszeiten?

Ich glaube, um ein tatsächliches Gespräch über die Literatur entstehen zu lassen, dürfen es nicht zu viele sein, die sich da über den Buchrücken der gemeinsamen Lektüre hinweg unterhalten. vielleicht fünf, maximal zehn Menschen, obwohl mir zehn eigentlich schon zuviel erscheint. Vielleicht wären mehrere kleinere Gesprächsrunden sinnvoller, zu dritt oder viert müsste es ganz gut funktionieren. Die Uhrzeit ist dabei unerheblich, nicht morgens, da schlurft mein Geist noch dem Körper hinterher. Von der Jahreszeit wäre ein angenehmer Spätsommer ideal, um sich im Schatten eines großen Baumes zusammenzufinden. Im Winter vor dem Kamin, mit Blick auf das grau draußen. 

Was für ein Buch, welche Bücher, welche Art von Büchern?

Wie gesagt, Bolaños Romane eignen sich wunderbar dafür, auch weil sie über die jeweiligen Einbände hinaus geschrieben sind, ineinander ragen und aufeinander verweisen. Aber auch Wolfgang Herrndorfs Oeuvre bietet sicher eine wunderbare Gesprächsgrundlage, weniger sein Kaltroman »Tschick«, als vielmehr der Erzählungsroman »Diesseits des Van-Allen-Gürtels« oder »Sand«. Aber natürlich auch die Bücher von Clemens Setz oder die von ihm gern gelesenen Romane des Amerikaners William T. Vollmann eignen sich hervorragend, um gemeinsam gelesen zu werden. Andere die mir einfielen, wären »Das Haus« von Mark Z. Danielewski, William H. Gass’ »Der Tunnel« oder nahezu jedes Buch von Jorge Luis Borges. Es sind Werke, die in erster Linie nicht eine Geschichte erzählen (auch wenn sie das natürlich auch tun), sondern einen Deutungsraum eröffnen wollen, in den sie den Leser hineinführen und dort sich selbst und seiner literarischen Courage überlassen. Werke, die einen – um mit den Romantiteln der angesprochenen Autoren zu spielen – durch den »Tunnel« in »Das Haus« der Literatur führen, in dem der Leser zum »wilden Detektiv« wird und in der »Stunde zwischen Frau und Gitarre« mittels »Fiktionen« vom Leben »Diesseits des Van-Allen-Gürtels« träumt. Gemeinsames Lesen kann aber auch Durchhaltevermögen verleihen, etwa für Vladimir Zarevs dreibändige Geschichte der Familie Welsche, die ich seit Jahren auf meinem Lesestapel mit mir mitschleppe oder für Proust und Musil. Da würde die Lesegemeinschaft der sanfte Druck sein, der zum Überwinden des inneren Schweinehunds beiträgt.

Mit welchem Buch wäre so etwas wie Social Reading nicht möglich – und warum?

Wenn man sich unterhalten will, ist sicherlich mit jedem Buch ein Social Reading möglich. Einfacher fällt das aber, wenn der Text selbst Anlass zum Nachfragen und/oder Weiterdenken gibt, denn das ist der Ausgang eines jeden Gesprächs. Nicht ganz leicht macht es einem Dietmar Dath, da müssen schon Liebhaber dieser zuweilen nerdigen Literatur zueinander kommen, wenngleich seine Essays über die Drastik zu den wunderbarsten und überraschendsten Texten gehören, die ich zur Hochkultur in der vermeintlichen Trivialkultur gelesen habe. Diese würden sich zweifelsohne wunderbar eignen, um gemeinsam gelesen und kommentiert zu werden.

Was sind die Voraussetzungen, die ein Buch mitbringen muss?

Wie gesagt, es muss Denkanlässe bieten. Oder aber den Detektiv im Leser ansprechen, allerdings ohne ein zu entlockendes Geheimnis. Sonst läuft das ganze auf ein Wettbewerb hinaus, in dem es darum geht, wer das Rätsel am schnellsten gelöst hat. Es braucht eher einen Mythos, etwas unbeweisbares, wie es aktuell J.J.Abrams und Doug Dorst in »S. – Das Schiff des Theseus« vorführen. Da unterhalten sich zwei am Buchrand und sind einem Geheimnis auf der Spur, dass es womöglich gar nicht gibt. Das ist nur ein Strang der Erzählung, aber er ist Ausgangspunkt des gemeinsamen Lesens und Erschließend eines Textes, das dort ganz wunderbar haitisch vorgeführt wird.

Mit wem reden Sie sonst über das, was Sie lesen? Wann und wie oft und in welcher Form?

Ehrlich gesagt schreibe ich mehr über Bücher, als dass ich darüber rede. Vielleicht ist mein Schreiben ins Off ja meine Art, darüber zu sprechen. Ein recht ängstliches Vorgehen zugegeben, denn Widerworte kann es da nur bedingt geben. Und wenn, dann ist es mir überlassen, ob ich mich ihnen stellen will oder nicht. Ansonsten spreche ich mit ein paar literaturaffigen Freunden über die Bücher, die ich lese. Meistens bieten dann meine Texte Anlass zum Gespräch, nach dem Motto: »Ach, Du hast ja auch das schon gelesen, hab ich gesehen. Lohnt sich das denn? Sag nochmal, wie fandest Du das? Muss man das lesen?« Und so weiter. Natürlich spreche ich mit meiner Freundin viel über unsere Lektüren, die sich komischerweise ziemlich unterscheiden. Sie ist zum Beispiel eine Krimifreundin, ich lese nur selten Krimis (Don Winslow). Aber dennoch sind unsere Gespräche überaus befruchtend. Wir haben auch gemeinsam mit ein paar Freunden eine kleine Literaturgruppe gegründet, »Drittens« heißt Sie. Warum »Drittens«? Nun, erstens wollten das alle schon lange machen, zweitens hatten alle immer einen Grund, es doch nie anzugehen, und deshalb haben wir es drittens gemacht. Also »Drittens«  

Worum ging es zuletzt in solch einem Bücher-Gespräch?

Beim letzten Mal in der Gruppe ging es um Lieblingsbücher. Das fand ich selbst zu allgemein, das franste etwas aus. Über wen ich in den letzten Monaten oft gesprochen habe, war Frank Witzel und seinen gerade mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman »Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969«. Seit Ende April sage ich jedem, der mich fragt, dass er diesen Roman lesen muss, weil er so voll ist mit Leben und Geschichte, Ernst und Ironie, Philosophie und Idiotie ist. Und vor allem mit so viel Liebe zum Detail geschrieben, dass man das nicht mehr aus der Hand legen kann. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Es ging dann darum, meinen Gesprächspartnern den verwinkelten Plot zu skizzieren und sie zugleich davon zu überzeugen, dass die 800 eng bedruckten Seiten – die wie eine fulminante Road-Novel beginnen, aber dann doch auch in tiefgründigere und schwierigere Passagen übergehen – jede Mühe lohnen. Dass man mit jeder Seite diesen Roman immer näher zu sich heran zieht, selbst wenn da die Theorieraketen in die Luft geschossen werden, bis sich die Balken biegen.  

Lesen Sie mit dem Stift in der Hand, haben Sie Zettel, Lesezeichen, Eselsohren? Twittern Sie gleich, was Ihnen bei der Lektüre einfällt?

Twittern bei der Lektüre. Nein, also ich hatte das hier beim Projekt mal versucht, aber nein, das lenkt nur ab. Dann schaut man noch kurz bei Faci (Thees Ullmann lässt grüßen) vorbei, checkt noch kurz Mails und schwups, ist die Handlung weg. Eselsohren? Um Himmels willen, nein. Da bin ich sehr pedantisch. Ich bin ja ostsozialisiert, in den Büchern der Kinderbibliothek stand hinten immer drin, dass man das Buch ersetzen muss, wenn man es beschädigt. Also, keine Knicke, keine Eselsohren und auch nicht mit der offenen Buchseite nach unten ablegen. Das ist so eine Marotte, ich kann nicht ändern. Ich habe aber immer einen Bleistift in der Hand und ein Notizbuch aufgeschlagen neben mir. Als Lesezeichen dient meist das, was gerade zur Hand ist. Kinokarte, Briefumschlag, Foto. 

Was nervt Sie in Ihrem Lesezirkel, Buchkreis, Ihrer Social-Reading-Gruppe am meisten?

Dass es nie so ist, wie man sich das im Idealfall vorstellt. Aber das ist wahrscheinlich gut so. Wie schrecklich fad wäre eine ideale Welt?

Lesen Sie die Kommentare und Beiträge der anderen Teilnehmer?

Bedingt. Ich habe mir das abgewöhnt, mich interessieren nur die Beiträge einzelner Autoren, weil ich deren Stil oder Herangehensweise interessant finde. Kommentare auf meinen Seiten lese ich natürlich immer, aber das hält sich in Grenzen. Ich finde es auch ehrlich gesagt immer weniger wichtig, ob die Literaturcommunity untereinander ihre Beiträge liest oder nicht. Entscheidend ist doch, ob sie auch außerhalb dieser Community gelesen werden, das finde ich viel interessanter und relevanter.

Warum wollten Sie Clemens Setz lesen?

Weil man damit nicht aufhört, wenn man einmal angefangen hat. Und ich habe eben einmal damit angefangen. Setz gelingt es mit seiner Literatur, eine Welt entstehen zu lassen, die genau so konstruiert ist, dass sie im größtmöglichen Ausmaß mit meiner Welt und meiner Nicht-Welt übereinstimmt. Alles, was dort passiert, kenne ich und es ist mir zugleich höchst fremd. Ich kann jeden Gedanken nachvollziehen, ohne ihn jemals selbst denken zu können. Alles, was in Setz-Romanen passiert, ist auch in meiner Welt möglich und denkbar, aber es ereignet sich dort einfach nicht. Clemens Setz scheint in der Lücke zu leben, zu denken und zu schreiben, in der meine Synapsen kurz in die Leere britzeln. Das ist faszinierend, deshalb lese ich das und fülle quasi meine Denkpausen mit Setzpausen.

Sie haben drei Wünsche an den Social-Reading-Flaschengeist frei:

Ach, und dieser Dschin wird alles in den Wind schlagen, weil er ein Garst ist… Aber so sei es, hier kommen meine Wünsche

1. Können wir uns bitte lieber treffen, statt das alles im anonymen Off des Internets zu machen?

2. Können wir alle weniger eitel und selbstverliebt sein? 

3. Ich wünsche mir für jede Minute, die man lesend verbringt, eine zusätzliche Minute Lebenszeit. Dann hätte ich mehr Zeit zum Lesen und andere würden vielleicht wieder zum Buch greifen, statt fernzusehen. 

Welche Fragen hätten hier noch gestellt werden sollen?

Man hätte Fragen zur Situation der professionellen Kritik oder dem übergriffigen Verhältnis zwischen Literaten und Journalisten stellen können – beides macht nicht nur mir Bauchschmerzen. Oder zur unsäglich dummen Debatte, die das NDR unter dem Titel „Facebook oder Feuilleton“ angestoßen hat. Oder zur Frage, warum die Spiegel-Bestseller außerhalb der Preissaison so wenig mit der Hochkultur zu tun haben. Aber auf diese Fragen gibt es nur einfache oder gar keine einfachen Antworten. Daher wäre als Abschlussfrage doch die folgende naheliegend: Was lesen Sie als nächstes? Meine Antwort: Sascha Rehs »Gegen die Zeit«.