Dieses Interview mit Clemens Setz ist nun fast zwei Jahre alt. Es wurde in der Absicht geführt, in einem Blog veröffentlicht zu werden, eine Möglichkeit, die sich dann allerdings zerschlug. Seitdem ruhte es in der Schublade in der Hoffnung, zu einem geeigneten Zeitpunkt seinen Weg zu den Lesern zu finden. Nach Publikation des Romans „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“, dessen Entstehen Setz hier schon andeutet, scheint nun der Zeitpunkt gekommen. Das Interview erscheint in drei Teilen und beinhaltet zwischen den Zeilen immer wieder Anhaltspunkte, die Clemens Setz’ Arbeitsweise und die Deutung seines großen Romans erhellen.

 

  1. Dezember 2013

In einem Hotel in Graz

 

CS: Sie waren doch auch im Literaturarchiv in Marbach, als wir uns geschrieben haben? Ehrlich gesagt weiß ich gar nichts vom Deutschen Literaturarchiv, außer dass Nachlässe dort sind. Ist das die Hauptaufgabe?

KW: Es ist eine der vielen Aufgaben. Das Haus ist voll von Literatur und labyrinthisch. Sie waren noch nie dort?

Leider nicht. Ich habe nur einmal den Katalog über den Sebald-Nachlass gesehen. Den Nachlass verwaltet ja Andrew Wylie, genannt „der Schakal“. Er ist der legendäre Literaturagent, der einmal einen Verlag kontaktierte und sagte: „Ich bin der neue Agent von Salman Rushdie. Ich bekomme eine Million für seinen neuen Roman.“ Er wurde gefragt, worum es in dem Roman gehe, das wisse er noch nicht, sagte er, aber der Vertrag kam zustande. Dann hat er bei Rushdie angerufen und sagte: „Wenn Sie mein neuer Klient werden, bekommen Sie eine Million.“ Ein völliger Bluff. – … Ich mag Sebalds Texte und hätte ihn gerne einmal irgendwo gesehen.

Sie haben sich viel mit Sebalds Werk beschäftigt?

Ich habe fast jede Zeile von ihm gelesen. Mich interessiert auch seinen Hang zur Entomologie und seine im Hintergrund stehende Vorliebe für Insektenliteratur.

Sagt Ihnen die Münchner Malerin und Autorin Anita Albus etwas?

Gibt es nicht was von ihr in der Anderen Bibliothek?

Genau. Sie arbeitete viel über Pflanzen und Insekten, momentan über Schmetterlinge, und sie und Sebald kannten sich und sie teilten diese entomologischen Vorlieben. In den Archiven findet man noch mehr über den Zusammenhang Albus-Sebald.

Die Archivwelt scheint mir ein bisschen so was Alienmäßiges zu sein. Merkwürdig und faszinierend. Die Welt der Literatur ist dort, aber sie ist verschlossen und nicht sofort jedermann zugänglich ist. Vor kurzem habe ich in der WELT über diese Salinger-Geschichten geschrieben, die in einem Archiv liegen. Es muss bei der Benutzung jemand hinter einem stehen und kontrolliert wahrscheinlich, ob man ein Fotohandy dabei hat. Wobei: Mit Google Glass wird das dann schwierig. Es gibt einen Menschen auf der Welt, der in seinem Pass bereits die Bezeichnung „Cyborg“ stehen hat. Er hat eine angeborene Farbsehschwäche. Und mit seinem Rücken ist ein Gerät verbunden, durch das sich Muster ergeben, wenn er Farben sieht. Das Gerät sieht die Farbe und gibt ihm einen gewissen Eindruck. Dieses Gerät darf man ihm nicht wegnehmen. Es gehört zu seiner Persönlichkeit. Wie ein Implantat. Er dürfte wahrscheinlich die Salinger-Geschichten in Anwesenheit dieses Geräts lesen. Das ist nur meine Phantasie, dass diese dummen Geschichten, diese Strafgefangenen, endlich einmal befreit werden. Das ist diese Welt der geschlossenen Archive, wo man einen Schritt hin machen muss, physisch anreisen, sich anmelden, eine interessante Welt. Viel Weltliteratur liegt dort noch. Von Mark Twain gibt es noch viele unveröffentlichte Sachen und von Kafka irgendwo in Tel Aviv. … Andererseits ist unser Verhalten als Fan auch etwas Ekelhaftes, etwas Stalkermäßiges. Salinger war da ein bisschen so was wie ein Spiegel, aus dem man als der Stalker geblickt hat, der man ist. Ich hab mal auf Google Earth sein Haus gesucht und dachte mir, o mein Gott, was machst du da? Archivare sind wahrscheinlich deshalb eine so häufige Protagonistenwahl für Autoren, die selbst keine Archivare sind, voller romantischer Vorstellungen.

Was die eigene Ordnung und die Katalogisierung der eigenen Texte betrifft: Wie machen Sie das mit ihren Sachen?

Bei mir wird’s keinen Nachlass geben. Ich schreibe mit der Hand und mit Computer, aber die Handschrift von mir ist nicht lesbar. Ich schreibe in kleinen Blockbuchstaben und kann meine Handschrift dann selbst schwer lesen, aber sie ist eben sehr schnell. Ich habe noch niemanden getroffen, der sie lesen kann.

Dann müssen sich die Setz-Forscher eben einarbeiten.

Ich glaube aber auch nicht, dass das bei meinen Sachen eines Tages noch notwendig sein wird. Es gibt immer mehr Autoren, und die alten werden unwichtiger. Wer redet heute noch über Wieland? Es interessiert niemanden mehr.

Eine beliebte Praxis bei heutigen Autoren ist ja die Bildung des „Vorlasses“.

Ja, leider ist der Buchtitel von Musil „Nachlass zu Lebzeiten“ gar kein Witz mehr.

Aber wie schätzt man den Wert der nachgelassenen Materialien? Für verschiedene Briefpartner einen Wert ansetzen und dann hochrechnen?

Das wäre ja witzig. Da muss man dann bei den Verhandlungen darauf achten, dass ein Briefpartner später vielleicht einmal bedeutend wird. Bei der Aufrechnung des Wertes wird’s dann mathematisch lustig, das gefällt mir dann wieder. Man müsste einen Algorithmus verwenden, der alle Briefpartner umfasst. Es vernetzt sich dann auch, umfasst alle Briefpartner, und das System befruchtet sich gegenseitig als Multigrid, wie so finite Elemente in der Baustatik. Das wäre ja super. Als junger Autor findet man solche älteren Autoren lächerlich, die alle schon reich sind und sich dann auch noch um ihre eigene Bedeutung kümmern. Aber wenn man’s lang genug macht, wird man wohl automatisch so, denn es scheinen alle so zu sein. Oder viele. Ist es überhaupt möglich zu verhindern, so zu werden?

Wahrscheinlich ist es sehr schwierig …

Es gibt gewisse Tics bei Menschen mit Tourette-Syndrom, für die ihre Tics lange Zeit ein Feind gewesen sind [macht pantomimisch Zuckungen vor], so ein Ticken mit dem Kopf zur Seite und das laute Aussprechen von Wörtern. Sie haben das nicht wie einen Tic zu ertragen gelernt, sondern der Druck, der von allen Seiten auf die Persönlichkeit lastet, formt so jemanden um … Jetzt ist es ein Teil von ihnen. Und so ähnlich ist vielleicht bei Autoren der Formdruck von außen, von einer Gesellschaft, die einem erklärt, wie bedeutsam man ist. Irgendwann kann man dem Druck nicht mehr standhalten und weiß nicht mehr, dass man ihm standhalten sollte, wohl weil man evolutionäre Vorteile bekommt. Man ist abgesichert und glücklich.

Aber es kommt auch aus den Schriftstellern selbst.

Natürlich. Ich habe auf Twitter gelesen, Frank Norris hat immer Menschen angestellt, die bei Treffen mit Journalisten – so wie bei uns jetzt – am Nebentisch saßen und die dann zu ihm kommen und fragen: „Sind Sie der berühmte Schriftsteller?“ Er hat also bezahlte Fans.

Oh, dann warte ich, bis Sie jetzt jemand anspricht.

Dann gibt es die Geschichte von einem Schriftsteller, dessen Namen ich jetzt nicht mehr weiß. Man kann seit einiger Zeit die Nobelpreisnominiertendatenbank im Internet durchsuchen bis 1950. Man kann einen Namen eingeben und sieht, wie oft jemand nominiert war. Es steht immer dabei, wer einen nominiert hat. Auch bei diesem besagten Schriftsteller. Ihn hat irgendein Literaturwissenschaftler nominiert, aber es stellte sich heraus, dass dieser Name ein Pseudonym des Autors war. Er hat sich selbst nominiert. Oder V.S. Naipaul, der nur durch Überheblichtuerei die Welt verzaubert hat, bis alle überzeugt waren.

Bei Elfriede Jelinek ist das Verhältnis umgekehrt proportional. Sie sagt, sie werfe alles weg. Das umgekehrte Extrem des sich selbst sammelnden Autors.

Wunderbar, ja. Ich mag ihre Aussagen über ihr Werk sehr gern. Sie sagt zu Leuten, die ihre Stücke inszenieren: „Tun Sie, was Sie wollen. Was geht’s mich an?“ Ich kann nicht alles von ihr lesen; der im Internet veröffentlichte Roman sagte mir nichts. Aber sie ist ein an der Welt verrückt gewordener Mensch. Es ist immer alles eine Spur zu hell bei ihr. Man schaut auf eine Seite und denkt sich, irgendwie scheint die Sonne die ganze Zeit drauf. Es ist zu grell, ich brauch eine Sonnenbrille beim Lesen. Wie Wolfgang Herrndorf, der vor einem Jahr, wie auf seinem Blog zu sehen war, alle seine Aufzeichnungen in der Badewanne ertränkt hat. Ziemlich schlimm, das sehen zu müssen. Das Herrndorf-Blog hat den Tag immer in sein Licht getaucht. Man hat eine Seite gelesen, und es war zu intensiv.