„Sie drückte das Kondom wie eine Senftüte aus. Der Inhalt tropfte ins Wasserglas und wand sich dort, geisterbleiches Ektoplasma. Dann sank es auf den Grund und lag einfach dort, unförmig, wie Kalkrückstände in Seniorenheim-Gebissbechern. Sie leerte das Glas in einem Zug. Aids, dachte sie und hielt sich eine Hand vor den Mund, als sie rülpsen musste. Aids Aids Aids Aids Aids.“
Könnte man, so mag man sich angesichts solcher Stellen im Roman von Clemens J. Setz fragen, den Text in der universitären Lehre einsetzen? Natürlich, werden Sie jetzt sagen, warum denn nicht. Selbst wenn Richard Kämmerlings in seiner Rezension in der „Welt“ rücksichtsvoll davon absah, derartige Passagen zu zitieren, „weil das manchem nichts ahnenden Frühstückszeitungsleser das Croissant aus der Hand fallen lassen würde“.
Mag sein. Aber ein Seminar in der Uni kann auf derartige bürgerliche Empfindlichkeiten keine Rücksicht nehmen. Genauso wie die Literatur. Sollte man meinen. In Deutschland habe ich zum Beispiel bereits mehrfach Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ zur Diskussion gestellt, und zwar in Einführungsseminaren für Erstsemester, im Rahmen von Mikro-Theorie-Workshops zum Thema Literaturwissenschaft und Psychoanalyse. Das hat immer bestens funktioniert. Zumal es sich endlich einmal um einen Text handelte, den plötzlich alle TeilnehmerInnen durchgelesen hatten oder sowieso schön längst in und auswendig kannten.
In Nordamerika sehe ich mich nun allerdings mit einem neuen Phänomen konfrontiert. Es ist die Erwartung, man möge Trigger Warnings aussprechen, um potentiell traumatisierte TeilnehmerInnen rechtzeitig darüber in Kenntnis zu setzen, dass Texte oder Filme, die im Seminar behandelt werden, Stellen enthalten könnten, die ihr psychisches Gleichgewicht gefährden.
Würde eine Studentin, die sexuell missbraucht worden ist, Natalie Reineggers Blowjob-Eskapaden lesen und diskutieren wollen? Die gigantische US-Debatte über Trigger Warnings, die am vergangenen Wochenende auch ein Panel bei der Konferenz der „Women in German“ (den „Wiggies“) in Banff, Alberta, Canada, beschäftigte, war mir bis dato unbekannt. Meines Wissens hat keine einzige meiner Kolleginnen und keiner meiner Kollegen in Europa während des letzten Jahrzehnts auch nur eine einzige dieser Trigger Warnings ausgesprochen oder erwogen. Und niemand hat sich jemals über dieses Versäumnis beschwert.
Doch nun ist offenbar Schluss mit lustig. Wie immer ist die „Jungle World“ ihrer Zeit in Deutschland weit voraus und brachte in der letzten Ausgabe gleich ein ganzes aufklärerisches Dossier zum Thema, verfasst von Crossover-Vielschreiber Georg Seeßlen. Der Autor fasst die Sachlage in dem ihm eigenen Sound wie folgt zusammen: „Liberalismus, Demokratie und soziales Verhalten sind dermaßen in Widerspruch zueinander geraten, dass es keinen anderen Ausweg mehr zu geben scheint als die Beziehungen fundamental zu moralisieren. Man könnte vielleicht sagen, da entstehe eine Art Religion ohne inneren Kern. Der Safe Space als Heilsversprechen, die Triggerwarnung als Gebet an das gebannte Unnennbare, das seine Anwesenheit gerade in der Abwesenheit zeigt: Aus dem demokratisch vereinbarten Sprachgestus wird das fundamentalistische Tabu.“
Was das alles für eine mögliche internationale akademische Rezeption eines Romans wie „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ heißen mag, ist im Rahmen unseres betreuten Lesens wohl kaum letztgültig zu beantworten. Oder doch: Für Universitätsseminare eignet sich der Text allein schon deshalb nicht mehr, weil er zu lang ist. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.