Dass Clemens J. Setz in seinen anspielungsreichen Romanen auch gern die Leser an der Nase herumführt, wurde mir spätestens bei Indigo klar, wo ein ganzes Kapitel aus Johann Peter Hebels Kalendergeschichten wiedergegeben wird: „Die Jüttnerin von Bonndorf“ (sogar mit Seitenangabe). Freilich sucht man die in Frage kommende Geschichte in Johann Peter Hebels Werken vergeblich – Setz hat sie sich ausgedacht. Auch in Die Stunde zwischen Frau und Gitarre fliegen einem die Referenzen nur so um die Ohren. Zeit für ein Check-Up! Der erste Teil deckt in der Druckausgabe die Seiten 1-99 ab.

Das Motto – da geht es schon los. Von Sascha Lobo in einem früheren Blog-Post bereits fleißig zitiert, weist eine schnelle Google-Suche nach: Weder gibt es einen Charles Victor Eglantine, noch ein 1874 erschienenes Buch unter dem Titel Terra Australis Cognita. Das nimmt kaum wunder, die Geschichte von den per Astwurf kommunizierenden Bäumen ist doch so Setz! Ach ja: Das Ezra-Pound-Gedicht I gather the Limbs of Osiris gibt es wirklich.

Die existiert tatsächlich – wahrscheinlich ist das über 800 Seiten lange Buch von Halldór Gudmundsson gemeint, das 2007 im btb Verlag erschienen ist. Auch die Geschichte mit den Treppenabsturz stimmt: „Nach einem Treppensturz sahen Ärzte und Krankenpersonal den Zeitpunkt für eine Entscheidung gekommen,“ heißt es auf Seite 823.

laxness

Bezieht sich auf die kultige Illuminatus!-Trilogie von Robert Anton Wilson und Robert Shea, wo besagtes Wort ein dauerhaftes Gefühl von Unwohlsein hervorruft. Bei Wilson/Shea heißt es weiter:

Of course, the essence of control is fear. The fnords produced a whole population walking around in chronic low-grade emergency, tormented by ulcers, dizzy spells, nightmares, heart palpitations and all the other symptoms of too much adrenalin. All my left-wing arrogance and contempt for my countrymen melted, and I felt a genuine pity. No wonder the poor bastards believe anything they’re told, walk through pollution and overcrowding without complaining, watch their son hauled off to endless wars and butchered, never protest, never fight back, never show much happiness or eroticism or curiosity or normal human emotion, live with perpetual tunnel vision, walk past a slum without seeing either the human misery it contains or the potential threat it poses to their security…

Ein kleiner Gruß von den Indigo-Kindern?

Neben dem Heiligen Pater Pio beschäftigt sich Heimleiterin Astrid mit der kroatischen Ortschaft Medjugorje, die eine besonders große Anzahl von Marienerscheinungen für sich verbuchen kann. Das Medjugorje Web versammelt auf www.medjugorje.org nicht weniger als 4.000 Einträge über Erscheinungen und Botschaften der heiligen Jungfrau Maria.

Ein Bild, das wohl jeder kennt – wenn wohl auch selten im Zusammenhang einer physiognomischen Beschreibung, wie sie Setz am Heiminsassen Matthias vornimmt.

kornfeld


Tatsächlich liefert eine Google-Suche nach den Stichwörtern „Papier“ und „Eustrich“ bis auf freie Lehrstellen im Bereich Holz und Papier in Oestrich-Winkel keinerlei brauchbare Ergebnisse. Die spezielle Papiersorte, nach der Alexander Dorm verlangt, ist also ausgedacht – eine fast kubrickhafte Detailverliebtheit von Setz, die hier zutage tritt!

Natalie ist eine begeisterte Stephen-King-Leserin, in der Buchladen-Szene auf Seite 13 sucht sie nach neuen Büchern, findet aber „keinen neuen Stephen King, auch Peter Straub war unverändert“. Stephen Kings Roman Love von 2006, auf Englisch unter dem Titel Lisey’s Story erschienen, handelt übrigens von einem gefährlichen Stalker…