Neben vielen anderen Fährten, die Clemens J. Setz im Roman legt, streut er immer wieder musikalische Brotkrumen aus. Auf den Seiten 168 bis 170 gibt es eine außergewöhnliche Ballung mit gleich fünf Musikstücken, die in die Handlung eingeflochten werden.

Zunächst hört Natalie zu Hause auf ihrem iPhone:

ein nicht weiter benanntes Musikstück von Jean Sibelius (hier stellvertretend „Der Schwan von Tuonela“)

 

die Titelmelodie aus der TV-Slapstick-Show Benny Hill

 

den Säbeltanz von Aram Chatschaturjan

 

Im nächsten Abschnitt trifft Natalie Herrn Dorm in seinem Zimmer an und die folgenden Songs laufen im Hintergrund:

DJ Bobo – Heyamama (nicht auf Youtube)

Simply Red – Fairground

 

Welche Erkenntnisse erlauben diese Musikstücke?

  1. Natalies Musikgeschmack muss uns nicht weniger suspekt sein als der von Dorm.
  2. Natalie sieht Musik als sinnstiftenden Soundtrack für alles Mögliche, in dieser Passage für eine Erinnerung an eine Finnlandreise und das morgendliche Ankleiden. Im Text heißt es dazu: „Ihre Wirkung war ein Beweis dafür, dass nichts von selbst so oder so war, traurig oder fröhlich.“. Siehe dazu die Dramatik bei Sibelius (die Natalie als „lateinisch“ empfindet) und den Ulk bei Benny Hill. Und weiter: „Man konnte alles anders und neu beleuchten durch entsprechende Musik, ja, wahrscheinlich existierte sowieso nur Musik, der Rest war auswechselbar und gar nicht von Bedeutung.“ Wie stark die Macht von Musik über Natalie ist, zeigt sich auch an anderer Stelle, wo sie versucht, Ohrwürmer loszubekommen (z. B. „Broken Wings“ von Mr. Mister) und zu entsprechenden Gegenmitteln („Cleanern“) greift (Abba, Steve Reich, Ace Of Base).
  3. Nebenbei bemerkt zeigt sich in der Gegenüberstellung eine ästhetische Verwandschaft von „Benny Hill-Theme“ und „Säbeltanz“, die mir bislang nicht klar war.
  4. Bis zu diesem Zeitpunkt liefert uns der Roman keine Hinweise darauf, ob und wie Musik sich auf Natalies ASMR-Wahrnehmung auswirkt.
  5. Dorm hängt mittels Musik nostalgisch-emotional seiner Adoleszenz in den 1990er Jahren nach.
  6. DJ Bobo scheint es nicht nötig zu haben, mittels Youtube vom 90er-Trash-Revival zu profitieren.
  7. Auffallend ist die eine untergründige Angriffslust signalisierende Rhythmusspur aus Tribal-Percussion, die DJ Bobo und Simply Red gemeinsam haben. Der Text von „Heyamama“ spricht von einem in Feindesland befindlichen Protagonisten, der sich gegen eine unbekannte Bedrohung zur Wehr setzen muss: „I’m ready to rumble, when the fight resumes / Left alone on my own, I’m captured in a danger zone.“ „Fairground“ hingegen, der 1995 erschienene Hit, der den endgültigen Sündenfall Mick Hucknalls und die Hinwendung Simply Reds zum Kitsch zementierte, spricht im Refrain von einer Liebe, die nicht funktionieren kann: „And I love the thought of coming home to you / Even if I know we can’t make it.“ Ist hier nicht die Persönlichkeit Dorms durch zwei schwer erträgliche Popsongs in ihren Grundzügen hervorragend charakterisiert?