Bäume in Australien mögen, wie das Motto behauptet, einen langen Arm haben – dieser Roman hat bemerkenswert einen kurzen Atem. Kleinklein stellt Clemens J. Setz seine Hauptperson Natalie Reinegger vor, die, gerade diplomiert in Behindertenpädagogik, verschlafen hat und die Ballonfahrt der Absolventen versäumt. Natalie wird an diesem Tag nicht in den Himmel aufsteigen (und, so dürfen wir aus der sicher bedeutsamen Anfangsszene schließen, auch später nicht!). Die folgenden Kapitel stellen brav das Leben der 21-Jährigen vor: „Arbeit“, „Markus“, der Ex-Freund, „Streunen“, die einzige Freizeitbeschäftigung, „Laute auf dem Weg zur Arbeit“, „Die Betreuerinnen“ des Heimes, in dem Natalie gerade angestellt wurde, „Die Bewohner“. Sieht man von Natalies ob ihrer Wahllosigkeit etwas verstörenden Blow Jobs mit Fremden ab, überrascht dabei wenig, am ehesten noch das recht schmucklose Abhaken der naheliegenden Themen. Setz‘ Erzähler befolgt seine To-do-Liste so detailliert, dass man fürchten muss, auch noch über Natalies Besenkammer unterrichtet zu werden. Ganz sicher böte auch sie reichlich Anlässe für einige erlesene Sci-Fi- oder mediale Assoziationen, wie sie Setz gern benutzt. Alles an diesem schwerfälligen Beginn deutet auf eine überschaubare Erzählung hin – alles bis auf den vorliegenden, überaus stattlichen Buchschinken. Und alles bis auf die Sorgfalt, mit der Natalies Krankheit bedacht wird. Ihre Epilepsie heißt nämlich „Grand Mal,“ und sie sorgt für „aurige“ Gefühle. Wenn sich alle Sprachlust in solcher Geheimniswisperei schon auf der dritten Seite in drei Worten zusammenzieht, dann ist zu erahnen, wo der Hase (ja, ja: Dürer! Melancholia!) hinlaufen (und der Roman drauf hinauslaufen) wird. Nur läuft der Hase erst mal gar nicht, er schlägt keine Haken, hoppelt nicht einmal. Er schleppt sich mühsam dahin. Der Erzähler ist ein Buchhalter, ordentlich und ziemlich pedantisch. Er hat vom Hasen nur einen Fuß.