Sirka Elspaß, geboren 1995 in Oberhausen. Treffen Junger Autoren 2010 & 1012. Studiert Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim. Lebt und arbeitet ebenda. www.fred-erika.de

Mit wem würdest Du gerne ein Buch zusammen lesen?

Mit meiner Großmutter. Wir mögen denselben Typ Frau und dieselbe Erzählweise. Ich glaube, das ist eine gute Basis.

Mit wie vielen? Wann, zu welchen Tageszeiten, Wochentagen, Jahreszeiten?

Meine Großmutter würde mir erst einmal reichen. Mit vielen Leuten kann Lesen auch sehr anstrengend sein. Es gibt so viele Eindrücke und man läuft Gefahr überschwemmt zu werden. Das funktioniert am besten im Herbst/Winter, wenn man kein schlechtes Gewissen haben muss, sich im Haus zu verkriechen.

Was für ein Buch, welche Bücher, welche Art von Büchern?

Wenn ich das Großmutter-Reading-Projekt weiterspinne, dann vielleicht Hannelore Elsners Autobiographie „Im Überschwang“. Das steht schon lange auf meiner To-Read-Liste, weil ich Elsner als Schauspielerin sehr schätze, zum Beispiel in „Kirschblüten-Hanami“ oder „Die Unberührbare“. Bisher habe ich mich nur noch nicht dran getraut, weil ich Angst habe, das Buch könnte schlecht geschrieben sein. Genauso geht es mir übrigens mit allen Büchern von Erika Pluhar.

Mit welchem Buch wäre so etwas wie Social Reading nicht möglich – und warum?

Als Kind hatte ich Bücher mit dem Aufkleber: „Du entscheidest selbst!“ Bei „Die Insel der 1000 Gefahren“ – ein Buch, das sich ebenso las, wie es klingt – konnte man den Lauf der Geschichte selbst beeinflussen, in dem man am Ende jedes Kapitels zwischen verschiedenen Möglichkeiten wählte, seinen Weg als Leser fortzusetzen. Ich bin auf einer einsamen Insel! Nehme ich das aufblasbare Gummiboot oder fange ich lieber an Kokosnüsse zu sammeln und für mein Abendbrot zu sorgen?

Ich glaube nicht, dass Social Reading mit derartigen Büchern unmöglich wäre, stelle mir die Situation aber absurd vor. Ungefähr so: Einige Leser sind nach zehn Seiten  mit Lesen fertig, weil sie frühzeitig mit dem Gummiboot abgesoffen sind und die anderen diskutieren auf Twitter darüber, wie man am besten eine Kokosnuss kocht.

Was sind die Voraussetzungen, die ein Buch mitbringen muss?

Ein gutes Buch? Es ist mir oft so ergangen, dass ich Bücher mit starken autobiografischen Einflüssen sehr schätze. Ich kann nicht genau sagen warum, vielleicht weil sie oft so brutal ehrlich sind. Bei Sylvia Plath‘ „Glasglocke“ ist das ja sehr auffällig und bei Herta Müller sowieso. Aber ich lese auch unglaublich gerne Sibylle Berg, die so herrlich böse und absurd schreiben kann. Ich weiß nicht inwiefern das autobiografisch ist.

Mit wem redest Du sonst über das, was Du liest? Wann und wie oft und in welcher Form?

Es kommt ganz auf die Bücher an. Generell rede ich sehr wenig über Bücher, besonders über die, die mir auf eine emotionale Art wichtig sind. Für mich ist Lesen immer auch eine Form des Sich-Erarbeitens und, wenn ich mir Lieblingspassagen und literarische Räume erschlossen habe, sind sie emotional aufgeladen und ich will ich sie meistens, ganz egoistisch und stur, nicht mit anderen teilen und schon gar nicht mit irgendwem! So ungefähr, wie man seinen Therapeuten mit niemandem teilen möchte. Man weiß, dass man nicht die einzige Patientin ist, möchte das aber nicht wahrhaben und verdrängt alle anderen.

Anders geht es mir bei Lyrik. Vielleicht weil die Szene viel kleiner ist und gute Lyrik rar gesät: Da empfehle ich gerne und tausche mich aus.

Liest Du mit dem Stift in der Hand, hast Du Zettel, Lesezeichen, Eselsohren? Twitterst Du gleich, was Dir bei der Lektüre einfällt?

Es gibt einige, wenige Autoren, bei denen ich schnell gemerkt habe, dass ich parallel zum Lesen einen Stift brauche. Sylvia Plath gehört dazu, Susan Sontag oder Christa Wolf, bei „Extrem laut und unglaublich nah“ von Jonathan Safran Foer ging es nicht ohne Stift, ähnlich wie bei Marisha Pessls „Die alltägliche Physik des Unglücks.“ Wenn ich Herta Müller lese habe ich prinzipiell von vorneherein einen Stift in der Hand. Mich faszinieren Sätze und Passagen, die ich frei vom Kontext immer wieder lesen und zitieren kann. Zuletzt habe ich Müllers „Mein Vaterland war ein Apfelkern“ gelesen. „Du kannst noch so oft in der Landschaft sein, du gehörst nicht dazu.“ ist ein Satz, der mich lange beschäftigt hat. Vor allem deswegen habe ich ihn ewig nicht mit anderen geteilt. Bücher, bei deren Lesen ich das Gefühl habe unterstreichen zu müssen, sind mir die Wichtigsten.

Was nervt Dich in Deinem Lesezirkel, Buchkreis, Deiner Social-Reading-Gruppe am meisten?

Seit einigen Tagen bekomme ich alle paar Stunden eine E-Mail von WordPress mit dem Betreff „Neu bei Frau und Gitarre: Ein neuer Beitrag wurde veröffentlicht!“. Das nervt mich total und setzt mich unter Druck, weil ich sehe wie produktiv die anderen Leser sind, während ich immer noch überlege, wie ich meinen ersten Eintrag angehen möchte. Ich muss diese Funktion dringend ausstellen!

Dass Social-Reading kein Wettlesen ist, à la: „Ich bin schon auf Seite 856 und du noch beim ersten Teil“, musste ich erst verinnerlichen. Ein Lesetempo zwischen über 30 anderen Autoren zu finden ist nicht so leicht, wie ich dachte. Vor allem weil ich Angst habe, irgendwann gespoilert zu werden!

Liest Du Kommentare und Beiträge der anderen Teilnehmer?

Ja, nicht regelmäßig, aber immer wieder. Ich sehe das als großen Mehrwert dieses Projektes, die Möglichkeit zu haben die Eindrücke anderer mitzunehmen. Denn genau um diesen Austausch geht es ja. Wenn ich daran nicht interessiert wäre, könnte ich das Buch auch für mich alleine lesen.

Warum wolltest Du Clemens Setz lesen?

Erst einmal weil das Social-Reading-Projekt mich interessiert hat. Leseeindrücke in dieser Art zu teilen ist eine Herausforderung und neu für mich und Clemens Setz‘ Bücher sind für mich persönlich emotional noch überhaupt nicht aufgeladen, das heißt, es fällt mir nicht allzu schwer meine Eindrücke zu teilen oder Lieblingssätze zu twittern. Bei „Indigo“ bin ich irgendwann stecken geblieben und habe das Buch beiseite gelegt. Bis heute habe ich es nicht zu Ende gelesen. Bei „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ kann ich mir das nicht leisten, schließlich macht das Projekt schon irgendwie Druck. Bisher hatte ich aber auch noch nicht das Gefühl, das Buch angefangen, aber ungelesen zurück ins Regal stellen zu müssen.