Beitrag geschrieben amOktober 2015

Autorenstalking. Gespräch über Literatur und Schreiben Teil 1

Dieses Interview mit Clemens Setz ist nun fast zwei Jahre alt. Es wurde in der Absicht geführt, in einem Blog veröffentlicht zu werden, eine Möglichkeit, die sich dann allerdings zerschlug. Seitdem ruhte es in der Schublade in der Hoffnung, zu einem geeigneten Zeitpunkt seinen Weg zu den Lesern zu finden. Nach Publikation des Romans „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“, dessen Entstehen Setz hier schon andeutet, scheint nun der Zeitpunkt gekommen. Das Interview erscheint in drei Teilen und beinhaltet zwischen den Zeilen immer wieder Anhaltspunkte, die Clemens Setz’ Arbeitsweise und die Deutung seines großen Romans erhellen.   Dezember 2013 In…

Analoge Faulheit: Tobias Lindemann

Tobias Lindemann, geboren 1973, lebt in Nürnberg und ist als Kulturaktivist in den Bereichen Literatur, Film, Radio und Musik aktiv. Unter dem Namen Libroskop bloggt er seit 2013 über zeitgenössische Literatur. Mit wem würden Sie gerne ein Buch zusammen lesen? Mit denen, die genau und aufmerksam lesen.   Mit wie vielen? Wann, zu welchen Tageszeiten, Wochentagen, Jahreszeiten? Nicht zu viele und nicht zu wenige. Und ich bin ja Sommerleser, weil ich im Winterhalbjahr so früh müde werde. Mein Lieblingslesetag ist Montag.   Was für ein Buch, welche Bücher, welche Art von Büchern? Mit welchem Buch wäre so etwas wie Social Reading…

Trigger Warning

„Sie drückte das Kondom wie eine Senftüte aus. Der Inhalt tropfte ins Wasserglas und wand sich dort, geisterbleiches Ektoplasma. Dann sank es auf den Grund und lag einfach dort, unförmig, wie Kalkrückstände in Seniorenheim-Gebissbechern. Sie leerte das Glas in einem Zug. Aids, dachte sie und hielt sich eine Hand vor den Mund, als sie rülpsen musste. Aids Aids Aids Aids Aids.“ Könnte man, so mag man sich angesichts solcher Stellen im Roman von Clemens J. Setz fragen, den Text in der universitären Lehre einsetzen? Natürlich, werden Sie jetzt sagen, warum denn nicht. Selbst wenn Richard Kämmerlings in seiner Rezension in…

Der Clemens-Setz-Referenzencheck (1)

laxness

Dass Clemens J. Setz in seinen anspielungsreichen Romanen auch gern die Leser an der Nase herumführt, wurde mir spätestens bei Indigo klar, wo ein ganzes Kapitel aus Johann Peter Hebels Kalendergeschichten wiedergegeben wird: „Die Jüttnerin von Bonndorf“ (sogar mit Seitenangabe). Freilich sucht man die in Frage kommende Geschichte in Johann Peter Hebels Werken vergeblich – Setz hat sie sich ausgedacht. Auch in Die Stunde zwischen Frau und Gitarre fliegen einem die Referenzen nur so um die Ohren. Zeit für ein Check-Up! Der erste Teil deckt in der Druckausgabe die Seiten 1-99 ab. Das Motto – da geht es schon los. Von Sascha Lobo in einem früheren Blog-Post bereits…

Du darfst ausflippen, baby, aber du musst pünktlich sein.

Zwischenerkenntnis: Social Reading braucht Echtzeit. Gemeinsame Echtzeit. Ich will mich mit euch verabreden, wie zu guten alten Buchclubzeiten. Und dann bitte: Polyphonie. Ich will auf LOS! mit euch durch dieses Buch stürmen und ein gemeinsames Feuerwerk auf der Metaebene zünden. Welche Figur überzeugt und warum, welcher Handlungsstrang braucht mehr Fleisch, welche darlings müssen gekillt und welche noch geboren werden? Schnell, unverstellt, ohne Höflichkeitsfilter, ohne eng ums Ego geschraubte Worthülsen, die nur zu gern intellektuell schmecken wollen. Ich will mit dem Lesen der Kommentare nicht nachkommen und es trotzdem versuchen. Lesen und schreiben, bis alle Risiken und Nebenwirkungen des Romans mindestens einmal in Kopf und Körper aufgepoppt sind. Eine…

Das Lateinische an Sibelius

Neben vielen anderen Fährten, die Clemens J. Setz im Roman legt, streut er immer wieder musikalische Brotkrumen aus. Auf den Seiten 168 bis 170 gibt es eine außergewöhnliche Ballung mit gleich fünf Musikstücken, die in die Handlung eingeflochten werden. Zunächst hört Natalie zu Hause auf ihrem iPhone: ein nicht weiter benanntes Musikstück von Jean Sibelius (hier stellvertretend „Der Schwan von Tuonela“)   die Titelmelodie aus der TV-Slapstick-Show Benny Hill   den Säbeltanz von Aram Chatschaturjan   Im nächsten Abschnitt trifft Natalie Herrn Dorm in seinem Zimmer an und die folgenden Songs laufen im Hintergrund: DJ Bobo – Heyamama (nicht auf…

Streber und Fanboy: Benjamin Quaderer

Benjamin Quaderer, geboren 1989 in Feldkirch (A), und aufgewachsen in Liechtenstein, studierte Sprachkunst an der Universität für angewandte Kunst Wien und Kreatives Schreiben & Kulturjournalismus an derUniversität Hildesheim. Er war Mitherausgeber der LiteraturzeitschriftBELLA triste und Teil der künstlerischen Leitung von PROSANOVA 2014 – Festival für junge Literatur. Er veröffentlicht in Zeitschriften und Anthologien (zuletzt: Landpartie 15). Mit wem würden Sie gerne ein Buch zusammen lesen? Mit Money Boy und der Glo Up Dinero Gang. Mit wie vielen? Wann, zu welchen Tageszeiten, Wochentagen, Jahreszeiten? Mit wenigen, vielleicht fünf, die den Text dafür umso intensiver lesen. Die Zeiten sind egal. Wenn eine/r eine…

Betreutes Lesen – Podcast vom Orbanism Space auf der Frankfurter Buchmesse

»Betreutes Lesen«. Social Reading von Clemens J. Setz‘ »Die Stunde zwischen Frau und Gitarre« – Das Literaturexperiment #fraugitarre Wie kann das digitale Gespräch über Literatur in Zukunft aussehen? AutorInnen, KritikerInnen und BloggerInnen erproben das seit September auf www.frau-und-gitarre.de. Sie lesen und diskutieren 100 Tage lang online den neuen Roman von Clemens J. Setz: »Die Stunde zwischen Frau und Gitarre«. Clemens J. Setz im Gespräch mit Guido Graf, Jan Drees, Christoph Kappes (Sobooks) und Daniel Acksteiner (Suhrkamp Verlag). Die Veranstaltung via Periscope von Leander Wattig: https://www.periscope.tv/w/1dRKZBrdeNwKB

Aufstand des Körpers

Ich hätte gewarnt sein müssen. Schon als das Buch ankam, vor über vier Wochen, bemerkte ich, noch bevor ich es überhaupt aufgeschlagen hatte, ein Taumeln, eine leichte Irritation, die ich sogleich abtat, so wie man mit dem alternden Körper umgeht, was mag das schon sein, mal wieder der zu niedrige Blutdruck oder so.

Hasenfüßiger Auftakt

Bäume in Australien mögen, wie das Motto behauptet, einen langen Arm haben – dieser Roman hat bemerkenswert einen kurzen Atem. Kleinklein stellt Clemens J. Setz seine Hauptperson Natalie Reinegger vor, die, gerade diplomiert in Behindertenpädagogik, verschlafen hat und die Ballonfahrt der Absolventen versäumt. Natalie wird an diesem Tag nicht in den Himmel aufsteigen (und, so dürfen wir aus der sicher bedeutsamen Anfangsszene schließen, auch später nicht!). Die folgenden Kapitel stellen brav das Leben der 21-Jährigen vor: „Arbeit“, „Markus“, der Ex-Freund, „Streunen“, die einzige Freizeitbeschäftigung, „Laute auf dem Weg zur Arbeit“, „Die Betreuerinnen“ des Heimes, in dem Natalie gerade angestellt wurde,…