Beitrag geschrieben amSeptember 2015

Life in a Northern Town

Das Bild stammt aus La Coruña, galizische Küste in Spanien, es ist Jahre her, daß ich dort tauchen war mit den Angestellten eines Algenverschickers, aber nun kommt es mir mit einem Mal so vor, als ob es dieses Buch damals schon gegeben haben könnte. Dabei war das bloß ich (den es damals schon gab). Ich habe so etwas tatsächlich (oder wirklich) nur ein paar Mal gehabt (und das ist vermutlich der Grund, weswegen ich weiterhin Bücher kaufe und durchlese): daß ich beim Lesen dieses Gefühl eines inneren Nickens bekomme, das mir einen wohltuenden Gänseschauer entlang des Rückenmarks schickt. Bei den…

Gemeinsam staunen: Dana Buchzik

Dana Buchzik hat Kreatives Schreiben, Kulturjournalismus und Philosophie an der Universität Hildesheim studiert und arbeitet als Journalistin für FAZ, SPON, SZ, taz, WDR, WELT & ZEIT. Ihre Antworten sind die ersten in einer losen Folge von Kurzinterviews mit den Teilnehmern des betreuten Lesens. Mit wem würdest Du gerne ein Buch zusammen lesen? Roger Willemsen. Mit wie vielen? Wann, zu welchen Tageszeiten, Wochentagen, Jahreszeiten? Am liebsten möchte ich mit Menschen lesen, von denen ich lernen kann, deren Kommentare und Gedanken mir Bereicherung sind. Dann sind auch Zeit und Wetter egal. Was für ein Buch, welche Bücher, welche Art von Büchern? Es gibt…

In der Einrichtung

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Ich habe da so ein Trauma. Immer wenn ich das Wort „Einrichtung“ höre, zucke ich zusammen. Ob Pflegeheim, Beratungsstelle, Kindergarten oder Drogentreff – im Sozialtherapeuten-Sprech sind das alles „Einrichtungen“. Auch der Ort, wo Natalie und Alexander Dorm aufeinandertreffen, ist so eine Einrichtung. Dort arbeiten Menschen, die nach BAT bezahlt werden, sich mit Übertragung und Gegenübertragung, Handlungskompetenzen und –konsequenzen auskennen. Die wischen dir den Arsch ab und karren dich dann zu ihren integrativen Gruppenangeboten. Mein Trauma rührt aus einer gescheiterten Beziehung voller Grenzüberschreitungen und nicht angenommener Angebote. Meine Ex-Frau leitete zwei Einrichtungen auf zwei halben Stellen. Zusammen haben wir es zu…

Zivildienst

Zu Beginn des Romans von Clemens J. Setz lese ich über den Alltag der Protagonistin Natalie Reinegger, die mit Behinderten arbeitet: Und so weiter. Warum nicht kurz beschreiben, welche Erinnerungen eine solche Stelle in dem Leser Jan Süselbeck auslöst, aus welcher Disposition heraus ich nun diesen Roman zu rezipieren beginne? Im Wintersemester 1992 nahm ich mein Studium an der Freien Universität Berlin auf. Bereits 1993 wurde ich aufgrund einer Verkettung von Umständen, die hier zu weit führen, zum Zwangsdienst in verschiedenen Berliner Behindertenschulen und -werkstätten verpflichtet. Die Uni war für mich damit für 15 Monate vorbei, und stattdessen fand ich…

Die Live-Sendungen

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Der Fernseher. Ich kenne das von älteren Damen, die alleine leben. Morgens wird der Fernseher eingeschaltet und zwar tatsächlich am besten eine Live-Sendung. Da ist man dann mittendrin. Da ist man nicht alleine. Manche schauen das Musikantenstadl und schunkeln mit imaginären Sitznachbarn. Andere diskutieren als Special Guest in politischen Talkrunden mit. Was Schunkler und Debattierer gemein haben ist das Gefühl der Einsamkeit. Isolation. Das Gefühl nicht mehr mit dem Rest der Welt verbunden zu sein. Das Fernsehen wird zum Schlupfloch in die wirkliche Welt, die Welt da draußen. Woher diese Einsamkeit bei Natalie kommt? Keine Ahnung. Das wird sich (hoffentlich)…

Reihenfolge geändert

Guido Graf schreibt über die laufende Neusortierung unserer Lese- und Schreibprozesse. In der Literaturwissenschaft greift man da gerne auf Rüdiger Campes Begriff der ‚Schreibszene‘ zurück. Jeder Akt der Niederschrift ist demnach als eine spezifische Verbindung von Sprache, Schreibwerkzeugen und körperlichen Gesten begreifbar. Es gibt bestimmte Stimulanzien, die diesen Reigen befeuern mögen, vor allem aber gibt es dabei auch vielfältige Widerstände, die zu überwinden sind. Wer heute zu viel bei Facebook unterwegs ist, schreibt vielleicht keinen tausendseitigen Roman mehr fertig. Und erst Recht keine Habilitation. Beim ‚Social Reading‘ kommt zu dieser ‚Schreibszene‘ nun auch noch eine ‚Leseszene‘ hinzu. Alle lesen hier…

Setzkasten

Die Setzkästen des Clemens J. sind wie mit Scheu gebaut, doch sehr stabil. Da reiht sich einer an den andern und drängt und drückt und fordert, wu­chert in den Werkstattraum hinein, auf´s Zentrum zu, den Autor umkreisend und bedrän­gend. Der schaut nach Nebenausgängen, Abzweigungen, falschen Fährten. Sein Zentrum könnte ihm heilig sein, wohlwissend, es existiert nicht nur ein Zentrum. Das muss man sich irgendwie bewahren. Der Autor greift zu, entnimmt, sortiert, baut Zeile für Zeile, verwirft und stellt zurück. Die Lesenden tuen es ihm gleich. Wie kompatibel sind die Setzkästen? Wir können nur mit dem arbeiten, was uns zur Verfügung…

Aufmerksamkeitsbedürfnis beim Social Reading

Die kleinen Brüder von Trollen haben sich bereits vor 15 Jahren einen Spaß daraus gemacht auf den einschlägigen Seiten die lustige Bilder mit Text, wie Memes damals noch namenlos hießen, feilboten, Erster in die Kommentare zu posten. Eine Diskussionen dürfte im RL von solchen Aussagen selten angestoßen worden sein, doch hier begann sofort ein reger Austausch über die Dummheit des Kommentators und den Überfluss an solchen Nullaussagen. Ohne Anstrengung, vom Aktualiseren des Browserfensters abgesehen, konnte man so sehr schnell im Mittelpunkt stehen und bereits beim nächsten Meme hat ein anderes Mitglied die Chance sich in diesen zu begeben. Die Community…

«Maybe you should go to the doctor» – Ein Cleverbot Dialog

Das will ich auch, dachte ich nach der Lektüre von Seite 80: «… und eine Weile beherrschte golden-majestätisches Non sequitur ihr Gespräch.» Ein Selbstversuch: User: What do you think about Natalie? Cleverbot: It’s alright. What do you think of it. User: I kind of like her. Licking her iPhone is strange, though. Cleverbot: Why do you like him? User: Her! She is just a sweet person. Cleverbot: Sweet as candy? User: More sweet as a fluffy little white rabbit. Cleverbot: Hehe, it’s not ‚he‘. BF3 is a computer game. You know, Battlefield 3. User: I just learned about GTA. Cleverbot:…

„I am alive!“

By Steve-g at en.wikipedia [CC BY-SA 2.5 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5) or Copyrighted free use], from Wikimedia Commons

Aaron ‚Wheelz‘ Fotheringham wurde mit einer Neuralrohrfehlbildung geboren. Das wird manchmal auch „offener Rücken“ genannt, weil die Nerven in einer Art Blase oder Zyste nach außen sichtbar werden. Bei Fotheringham sorgten die Schädigungen für Querschnittslähmung und ein Leben im Rollstuhl. Fotheringham ist WCMX-Rider und Stuntman. „I wanna be cool! I wanna be cool!“ hört man erst und dann rast er mit seinem Rollstuhl die Rampe herunter, macht einen Riesensatz und stürzt zu Boden, der Rollstuhl zerfällt, er liegt da und schreit: „I am alive!“ So stellt Fotheringham die Verbindung her, zum Leben, zur Welt. Um Barrieren dieser Art geht es in diesem…