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Literatur ist eigentlich fast immer die Mindmap eines anderen. Und Mindmap ist hier durchaus nicht im Sinne einer Strategie zu verstehen, ungeordneten Gedankengängen zu einer Struktur zu verhelfen. Sondern im Gegenteil: individuelles Chaos so abzubilden wie es ist, mit all seinen Querverbindungen und persönlichen Assoziationen. Bis zu einem gewissen Grad leistet jedes Buch die Kartographie einer ganz bestimmten Denkweise. „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ aber ist in Detailliebe und Unbarmherzigkeit schwer zu übertrumpfen. Hier werden nicht nur einzelne Inseln und Fixpunkte einer Wahrnehmung skizziert, sondern erbarmungslos sämtliche Register gezogen – Geheimhaltung, Raum für eigene Interpretationen, blinde Flecken, weiße Inseln – alles überbewertet. Wie ein neuronales Netz, das Literatur geworden ist, spiegelt der Roman Gedankenbewegungen. Ein bisschen wie Spiegelneuronen zum Anfassen, denn er löst im Leser ähnlich wild umherwirbelnde Gedankenbewegungen aus. Und dabei macht er auch vor den Dingen nicht Halt, auf die man gewöhnlich in der Kommunikation keinen gesteigerten Wert legt. Zwischen aufblitzenden Gewaltfantasien, seltsamen Sexgewohnheiten und Essgeräuschen (wer darauf übrigens besonders empfindlich reagiert, leidet womöglich unter Misophonie) fühlt man sich in eine Welt versetzt, in der die „Mindmap“ in Form des Romans so notwendig wie tröstlich ist. Man findet sich besser zurecht im anderen.

Es ist eine dieser kühlschranktürwürdigen Binsenweisheiten, dass man niemanden jemals so richtig kennt. Jeder bewahrt für sich Orte und Gedanken, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Dank Clemens Setz gilt das – vermutlich – nicht für Natalie Reinegger. Die androgyne Frau in ihren Zwanzigern, deren Katze mit ihrem Namen gleichzeitig Art (franz: chat – Katze) und Nutzen (chat – Gespräch) definiert. Epileptikerin. Ex-Sektenangehörige. Wie wäre es, wenn wir nicht nur die besten Ausschnitte eines Menschen sähen, sondern eben schlicht alles? „Alles, was in einem Kopf spielt, das wird da aufgemacht und man muss da ganz tief rein“, sagt Clemens Setz selbst im Gespräch mit Iris Radisch. Die erzählerische Not sei immer, etwas zu beschreiben, das nur in einem Kopf existiere. Entweder man müsse unsäglich viel beschreiben, um es für andere spür – und erfahrbar zu machen oder sich auf die Konsequenzen beschränken, die es hervorbringt.

Obwohl Setz in diesem Gespräch besonders auf Erfahrungen wie Schlaganfall, Drogenkonsum oder epileptische Anfälle abzielt, kann es sich im weiteren Sinne letztlich doch auf jede Art der Wahrnehmung übertragen lassen. Niemand kann von außen in das eindringen, was hinter der Stirn eines jeden aus vielen verschiedenen Komponenten eine funktionsfähige Welt zusammenbastelt. Und natürlich führen besonders Extremsituationen zur Veränderung der Sprache, mit der Setz in seinem Roman herausragend umzugehen versteht -, wer etwas erlebt, für das es keine erprobten Worte gibt, muss entweder schweigen oder neue suchen. Das passiert im Roman immer wieder, nicht zuletzt aufgrund der synästhetischen Wahrnehmung Natalies. Worte erzeugen Bilder, erzeugen sinnliche Gefühle, sind flauschig oder von ganz spezifischer Färbung. Um sich zurechtzufinden im unwegsamen Gelände einer fremden Wahrnehmung, sind Mindmaps unerlässlich. „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ liefert eine Karte von bestechender Genauigkeit und Kompromisslosigkeit. Sie zeigt uns: So könnte die Welt auch sein. Eine unter zahllosen Möglichkeiten.