Als Clemens J. Setz beim Internationalen Literaturfestival in Berlin über seinen neuen Roman sprach, sagte er über die Protagonisten in seinem neuen Roman, dass sie wie Liebesbriefe im falschen Jahrhundert seien, die an niemanden mehr adressiert sind und dennoch einen Leser finden. Ihre Worte würden sich wie Fühler in die Zukunft strecken und doch ins Leere greifen, erklärte Setz seinen Vergleich.

Man könnte sich ganz damit begnügen und den Buchtitel der nonseq-Weltsystematik zuordnen, die Natalie Reinegger für sich und ihre Interaktion mit der Welt zum Maßstab allen Handelns gemacht hat. Dann wäre »Die Stunde zwischen Frau und Gitarre« praktizierter Dadaismus, Sprache, die ihren Sinn daraus zieht, ihre Sinnlosigkeit sichtbar zu machen.

Clemens J. Setz wäre aber nicht Clemens J. Setz, wenn dem so wäre. Es soll an dieser Stelle ein erster Versuch einer Interpretation des Nexus von Frau und Gitarre zur Diskussion gestellt werden.

Die Verbindung zwischen Frau und Gitarre taucht erstmals im Zusammenhang mit dem homosexuellen Stalker Alexander Dorm auf. Eine Kollegin erklärt seiner neuen Bezugsbetreuerin Natalie Reinegger, dass der querschnittsgelähmte Mann in einem Brief an den von ihm angehimmelten Christopher Hollberg davon gesprochen habe.

In einer späteren Diskussion kommen die beiden Kolleginnen noch einmal auf den Zusammenhang zwischen Frau und Gitarre zurück, dem man im Laufe des Romans immer mal in der oder einer ähnlichen Form begegnet.

Später im Roman spricht Natalie Reinegger mit Hollberg noch einmal über diesen ominösen Brief, in dem er Dorms Problem noch einmal verdeutlicht wird. Auch hier fällt wieder die Formel der »verkleideten Gitarren«.

Derlei Briefe hat es, wie sich später herausstellt, unzählige gegeben. In ihnen äußert sich Dorms Stalkertum, das schließlich Hollbergs Frau erst in den Wahnsinn und dann in den Selbstmord treibt.

Dorms Fixiertheit auf den Vergleich von Frauenkörpern und Gitarrenkorpus wird relativ schnell sichtbar. Dieser Tick wirkt sich auf seine Erwartung an die Erscheinung des menschlichen Wesens Frau aus. Sobald sie nicht seinen Formvorstellungen entspricht –die androgyne Natalie Reinegger tut dies ganz gewiss nicht –, dann fällt ihm der Umgang mit ihr schwer. Er beschwert sich bei der Heimleiterin Astrid über Natalies Erscheinungsbild.

Hier taucht das erste Mal neben dem Gitarrenkörper auch der der Sanduhr auf. Gitarre und Sanduhr als Assoziationsobjekte für das Weibliche sind in der Kunst kein völlig neues Konzept und legen den Gedanken nahe, in Alexander Dorm einen besonders exaltierten Kunstfreund zu vermuten.

Man muss in der Kunstgeschichte nicht allzu weit zurückgehen, um auf eine Ikone der Fotografie zu stoßen, die den geschwungenen Körper eines Halslauteninstruments, zu denen die Gitarre ebenso wie die Violine gehört, auf einen Frauenkörper legt. Man Rays legendäre Sepiafotografie Le Violon d’Ingres zeigt die nackte Kehrseite von Kiki de Montparnasse, der Muse des amerikanischen Fotografen, auf die er im Nachhinein die f-Noten gemalt hat. Der Betrachter kann sich dem suggestiven Charakter dieses surrealistischen Kunstgriffs nicht entziehen, der zu einer Vergegenständlichung der puren Weiblichkeit – hier die Anbindung an die Gemälde d’Ingres – in einer Violine führt.

Von Man Rays weiblichen Violinenkörper – den Setz in einem Kunstgriff zum Gitarrenkörper umdeutet – gibt es auch eine Verbindung zur Sanduhr, und zwar über eine andere Bildikone des surrealistischen Fotografen. Es ist das Aktfoto der zwanzigjährigen Meret Oppenheim aus dem Bildzyklus Érotique voilée, deren knabenhafter Körper hinter einer Druckerpresse zu sehen ist. Auch Oppenheim galt als eine der Musen des Amerikaners, ihr beeindruckendes avantgardistisches Werk wurde erst Mitte der siebziger Jahre entdeckt und anlässlich ihres einhundertsten Geburtstags erstmals in voller Pracht gewürdigt.

Wo ist nun der Zusammenhang zur Sanduhr? Er liegt in Meret Oppenheim selbst. In ihren hinterlassenen Schriften findet man ein Traumprotokoll, in dem von einer Heiligenstatue die Rede ist, die eine Sanduhr mit ihrer Lebenszeit umdrehe. Ohnehin ist die Sanduhr als Vanitassymbol eine klassische Trope der Kunst.

Aber zurück zu Alexander Dorm und seiner These, dass eine Frau entweder eine Sanduhr-Figur oder eine Gitarren-Figur habe. Letztendlich handelt es sich bei diesem Vergleich um eine in die Literatur gehobene Gegenüberstellung des ausgestatteten Frauentypus von Kiki de Montparnasse mit der androgynen Figur einer Meret Oppenheim. Setz inszeniert den Rollstuhlfahrer hier als Kenner der Künste.

Dass Dorm Frauen grundsätzlich wenig abgewinnen kann, hindert ihn übrigens nicht daran, die Gitarren- und Sanduhren-Figuren nicht nur zu bewerten, sondern sich auch noch über das Fehlen dieser »ganzen Aspekte einer weiblichen Figur« bei Natalie zu beklagen; und damit einen Grundkonflikt des Romans zu begründen.

Ein besonderer Kunstgriff allein die Tatsache, dass der homosexuelle Patient Alexander Dorm daran krankt, seine Betreuerin Natalie Reinegger geschlechterspezifisch nicht klar zuordnen zu können. Eine genialer Schachzug, dass Setz seinen surrealistisch erzählten Roman mit diesem versteckten Verweis auf den Surrealismus selbst versieht. Das wiederum ist nicht zum Fürchten, sondern schlicht und ergreifend faszinierend. So faszinierend und geheimnisvoll, wie die »menschentwöhnte Stunde«, die dem Roman ihren Titel gibt. Was es mit ihr auf sich hat, bleibt auch im Roman nebulös.