Beitrag geschrieben amSeptember 24, 2015

Der Roman als Mindmap

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Foto: Niels van Dijk on Flickr Literatur ist eigentlich fast immer die Mindmap eines anderen. Und Mindmap ist hier durchaus nicht im Sinne einer Strategie zu verstehen, ungeordneten Gedankengängen zu einer Struktur zu verhelfen. Sondern im Gegenteil: individuelles Chaos so abzubilden wie es ist, mit all seinen Querverbindungen und persönlichen Assoziationen. Bis zu einem gewissen Grad leistet jedes Buch die Kartographie einer ganz bestimmten Denkweise. „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ aber ist in Detailliebe und Unbarmherzigkeit schwer zu übertrumpfen. Hier werden nicht nur einzelne Inseln und Fixpunkte einer Wahrnehmung skizziert, sondern erbarmungslos sämtliche Register gezogen – Geheimhaltung, Raum für…

Alexander Dorm – ein inszenierter Kunstfreund?

Man Ray: Le Violon d’Ingres | Fabio Omero via Flickr (CC BY-SA 2.0)

Als Clemens J. Setz beim Internationalen Literaturfestival in Berlin über seinen neuen Roman sprach, sagte er über die Protagonisten in seinem neuen Roman, dass sie wie Liebesbriefe im falschen Jahrhundert seien, die an niemanden mehr adressiert sind und dennoch einen Leser finden. Ihre Worte würden sich wie Fühler in die Zukunft strecken und doch ins Leere greifen, erklärte Setz seinen Vergleich. Man könnte sich ganz damit begnügen und den Buchtitel der nonseq-Weltsystematik zuordnen, die Natalie Reinegger für sich und ihre Interaktion mit der Welt zum Maßstab allen Handelns gemacht hat. Dann wäre »Die Stunde zwischen Frau und Gitarre« praktizierter Dadaismus,…

Buchtourismus

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„Waren Sie schon im neuen Setz? Tolles Buch. Aber schrecklich überfüllt.“ Was soll das sein, Social Reading? Ich stelle mir vor, wie der Massentourismus ins Buch einbricht. Tausend Links direkt ins Herz des Textes, Pauschalreisen an die schönsten Stellen. Aus Markierungen werden Sehenswürdigkeiten, Schulklassen laufen die wichtigsten zehn Stationen ab, Leser posieren mit Selfie-Stangen vor skurrilen Metaphern, Spammer verteilen Flyer, Exhibitionisten ergießen sich in die Kommentarspalten. Hat Ijoma Mangold bereits das unterirdische Kraftzentrum des Romans ausgehoben und darauf ein Museum errichtet, eine Kathedrale der Literaturkritik, die auf Seite 700 auf Besucher wartet? Ich bin gespannt. Mein erster Reisetipp und ein…