Zu Beginn des Romans von Clemens J. Setz lese ich über den Alltag der Protagonistin Natalie Reinegger, die mit Behinderten arbeitet:

Und so weiter. Warum nicht kurz beschreiben, welche Erinnerungen eine solche Stelle in dem Leser Jan Süselbeck auslöst, aus welcher Disposition heraus ich nun diesen Roman zu rezipieren beginne? Im Wintersemester 1992 nahm ich mein Studium an der Freien Universität Berlin auf. Bereits 1993 wurde ich aufgrund einer Verkettung von Umständen, die hier zu weit führen, zum Zwangsdienst in verschiedenen Berliner Behindertenschulen und -werkstätten verpflichtet. Die Uni war für mich damit für 15 Monate vorbei, und stattdessen fand ich mich mitten in der Welt Natalies wieder.

Allerdings unter verschärften Umständen: In Berlin war damals der Zivildienst, den es heutzutage in Deutschland bekanntlich gar nicht mehr gibt und den man seinen staunenden Studierenden wortreich erklären muss, falls man aus irgendwelchen Gründen auf das Thema zu sprechen kommt, damals neu. Man interessierte sich für billige neue Arbeitskräfte, nicht aber für die Rechte solcher jungen Männer wie mir. Ich habe seither oft gedacht, dass meine damaligen Erfahrungen einen guten Stoff für einen Roman hergeben würden, aber ein Clemens J. Setz kann das bestimmt besser.

Was damals so alles geschah: Betrunkene dicke „Ossi“-Frauen, die mit uns „Wessi-Zivis“ kein Wort wechseln wollten, sperrten uns in einer Einrichtung in der Nähe des Berliner U-Bahnhofs Samariterstraße (U 5) mit onanierenden Spastikern für Stunden in einem Zimmer ein, um selbst ungestört im Nebenzimmer an einem Tisch voller Flaschen sitzen und ungestört weitertrinken zu können. In einer Sonderschule in der Nähe des U-Bahnhofs Blissestraße (U 7), meiner damaligen Hauptdienststelle, setzte man mich währenddessen vor allem zur Begleitung von Klogängen ein, und zwar verbotenerweise auch solcher behinderter Frauen.

Den ganzen Tag hatte ich deshalb hauptsächlich mit triefenden Mixturen aus Blut und Kot zu tun. Einer meiner Schützlinge aus einer Immigrantenfamilie, von dem man munkelte, er werde zu Hause einfach an die Heizung gekettet, musste ganz ähnlich wie in der zitierten Textstelle aus Die Stunde zwischen Frau und Gitarre davon abgehalten werden, plötzlich nach seinem Kot zu greifen und ihn an die Wände ringsum zu schmieren. Der Einsatz verlangte enorme Wachheit, Geschicklichkeit und geradezu akrobatisch eingesetzte Körperkraft von mir, und selten ging ich aus diesen kontrollierten Klogängen unbesudelt hervor. Zumal ich nach den langen Blues-Sessions im „Flöz“ (Berliner Straße, U 7 / U 9), in denen ich mir damals meinen Frust von der Seele zu spielen versuchte, oft schwer verkatert war. Abends, nach der Feierabend-Dusche, hatte ich immer das Gefühl, trotzdem weiter nach Scheiße zu stinken.

Ja, genau so war das damals, lieber Kollege Setz: Man wurde bei Tisch mit Messern beworfen, man wurde angespuckt und man sollte aufpassen, dass es unter den Behinderten in der Sofaecke des Klassenraumes nicht zum spontanen Geschlechtsverkehr kam. Tückisch waren auch die Beißattacken aus heiterem Himmel. Mein genannter Klo-Schützling neigte dazu, rücklings mit weit aufgerissenem Mund auf mich zu zu taumeln, um seiner Verzweiflung Ausdruck zu geben und sich irgendwie gegen all das, was ihn alltäglich so quälte, zur Wehr zu setzen. War ich der Grund? War es das ganze System? Wie konnte ich ihm helfen? Er vermochte es jedenfalls nicht verständlich zu machen, weil er überhaupt nicht sprechen konnte. Und der Rest der Belegschaft winkte nur ab.

In einer Behindertenwerkstatt in der Nähe des U-Bahnofs Güntzelstraße (U 9) gab es einen massigen Zentner-Mann, vor dem uns alle Betreuer nur warnten. Wurde er aus irgendeinem unerfindlichen Grund wütend, so biss er sich in der Werkbank fest – oder aber in einem seiner Nachbarn. Er war sehr stark. Ich war viel kleiner als er und saß immer direkt neben ihm. Dort sollte ich, da es sonst für mich nichts weiter zu tun gab, genauso wie die Behinderten den ganzen Tag unförmige Holzstückchen mit Sandpapier abreiben. In unbeobachteten Momenten las ich dabei – aus heute für mich nicht mehr rekonstruierbaren Gründen – alle verfügbaren Suhrkamp-Taschenbücher von Peter Handke unter der Werkbank durch. Danach habe ich nie wieder ein Buch von Handke angefasst.

Nur noch eine letzte Bemerkung: In einem meiner jetzigen Seminare an der University of Calgary habe ich eine Gasthörerin mit Down-Syndrom. Offensichtlich ist man hier in Kanada in Sachen Integration dem deutschen „Bildungssystem“ um Lichtjahre voraus. Ohne zu wissen, im Rahmen welches Programms die junge Frau hier eigentlich an meinem Kurs teilnimmt, hatte ich nicht das geringste Problem, mit der überraschenden Situation umzugehen und sie sofort in den Unterricht mit einzubeziehen – sicherlich auch eine Folge meiner Erfahrungen vor über 20 Jahren, so unfassbar die administrativen Rahmenbedingungen in Berlin damals auch gewesen sein mögen. Vor allem aber das Resultat der Fähigkeiten dieser Studentin, die sich immer direkt vor mir in die erste Reihe setzt: Sie hat bereits in einer Arbeitsgruppe mitgemacht und ist als unerschrockene Rezitatorin zu interpretierender Gedichte von Else Lasker-Schüler und Jakob van Hoddis in Erscheinung getreten.