Guido Graf schreibt über die laufende Neusortierung unserer Lese- und Schreibprozesse. In der Literaturwissenschaft greift man da gerne auf Rüdiger Campes Begriff der ‚Schreibszene‘ zurück. Jeder Akt der Niederschrift ist demnach als eine spezifische Verbindung von Sprache, Schreibwerkzeugen und körperlichen Gesten begreifbar. Es gibt bestimmte Stimulanzien, die diesen Reigen befeuern mögen, vor allem aber gibt es dabei auch vielfältige Widerstände, die zu überwinden sind. Wer heute zu viel bei Facebook unterwegs ist, schreibt vielleicht keinen tausendseitigen Roman mehr fertig. Und erst Recht keine Habilitation.

Beim ‚Social Reading‘ kommt zu dieser ‚Schreibszene‘ nun auch noch eine ‚Leseszene‘ hinzu. Alle lesen hier öffentlich zusammen, schreiben gemeinsam und kommentieren das auch noch gegenseitig. „Ficken auf offener Bühne sozusagen“, so hat es Alexander von Schönburg in einem berüchtigten Dialogband metaphorisiert, der den Titel „Tristesse Royale“ trägt. Er erschien 1999 und ging wiederum auf eine ‚Sprechszene‘ zurück, da er auf der Transkription von Gesprächen basiert, die von Joachim Bessing im Hotel Adlon auf Audiokassetten aufgenommen und moderiert wurden. Jörg Döring hat darüber einen lesenswerten Aufsatz publiziert, der übrigens gut zu dem passt, was wir hier jetzt gerade machen („Der Schreibtisch im Nachtleben“. Bohème um 2000 in Tristesse Royale?“, in: Walburga Hülk/Nicole Pöppel/Georg Stanitzek (Hrsg.): Bohème nach 1968, Berlin: Vorwerk 8 2015, S. 109-141).

We’re Only in It for the Money: Die Literaturwissenschaft, die Literaturkritik und die Gegenwartsliteratur hatten schon immer vielfältige Verbindungen, aber nicht immer wurden sie gerne offen eingestanden. Denn es erscheint vielen Beteiligten anrüchig, und zwar auf allen Seiten. Was nun hier auf diesem Blog und bei Sobooks passieren soll, ist wohl der Versuch, mit den heute üblich gewordenen Schreibwerkzeugen und -medien alles noch einmal neu durch den Wolf zu drehen. Natürlich soll der Autor des Themas dieser frivolen Theateraufführung im Netz, Clemens J. Setz, „auch vorbei schauen“ (Guido Graf).

„Hey, wir leben doch alle nur in einem globalen Dorf“, so mailte mir neulich Kollege Markus Joch von der Keio University in Tokio. Wir trafen uns Ende August in Shanghai, beim ‚Weltgermanistentag‘ der Internationalen Vereinigung für Germanistik (IVG). Und nun bin ich also plötzlich in Calgary, Alberta, Kanada. Ich schlafe noch immer nicht richtig durch nach dieser fast kompletten Weltumrundung über Sibirien und Frankfurt, und das Buch, um das es hier geht, ist an der University of Calgary natürlich noch gar nicht angekommen.

Da die Reihenfolge aber ja jetzt egal ist, sei hier nur kurz etwas erwähnt, was unter Literaturkritikern normalerweise verpönt ist: Der Klappentext zu „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“. Da steht nun also tatsächlich der Satz: „Dieser Roman ist eine Bergwerksfahrt in die Welt des Clemens J. Setz.“

Hallo, Stilblüte? Wie gesagt – in diesen Paratexten steht todsicher immer genau das Falsche, und deswegen sind sie für den Kritiker ohnehin kaum der Rede wert. Es ist aber, das wissen wir auch, wahrscheinlich der meistgelesene Teil eines jeden Buches. Und das wäre in diesem Fall fatal. Arno Schmidt jedenfalls hätte sicher gewiehert vor Lachen, wenn er die zitierte Zeile gelesen hätte.