Die Setzkästen des Clemens J. sind wie mit Scheu gebaut, doch sehr stabil. Da reiht sich einer an den andern und drängt und drückt und fordert, wu­chert in den Werkstattraum hinein, auf´s Zentrum zu, den Autor umkreisend und bedrän­gend. Der schaut nach Nebenausgängen, Abzweigungen, falschen Fährten. Sein Zentrum könnte ihm heilig sein, wohlwissend, es existiert nicht nur ein Zentrum. Das muss man sich irgendwie bewahren.
Der Autor greift zu, entnimmt, sortiert, baut Zeile für Zeile, verwirft und stellt zurück. Die Lesenden tuen es ihm gleich. Wie kompatibel sind die Setzkästen? Wir können nur mit dem arbeiten, was uns zur Verfügung steht. Also weiter.
„Folgen Sie diesem Heißluftballon!“ So geht es los. Und aus den Lettern­kästen der Leserin fällt eine alte Buchstabenfolge, datiert von 1989, da war der Autor Setz sieben Jahre alt, also am Start auf dem Weg in die Welt der Schrift. Die alte, jedoch mitnichten veraltete Buchstabenfolge trägt den Ti­tel: „`Gönnt mir den Flug!´ – Die Erprobung der Analyse von Kollektivsym­bolik als Hinführung zur Trägodie `Faust´“. Ausgewählt und im Anschluss an Jür­gen Link analysiert werden darin die Kollek­tivsymbole „Flug“ und „Heiß­luftballon“, die im Text­gewebe „Faust“ einen stabilen Faden bilden. Gut, ein Beispiel:

MEPHISTOPHELES:
Wir breiten nur den Mantel aus,
Der soll uns durch die Lüfte tragen.
Du nimmst bei diesem kühnen Schritt
Nur keinen großen Bündel mit.
Ein bißchen Feuerluft, die ich bereiten werde,
Hebt uns behend von dieser Erde.
Und sind wir leicht, so geht es schnell hinauf;
Ich gratuliere dir zum neuen Lebenslauf! (V. 2063f.)

„Up, up and away in my beautiful balloon.“ Als Kollektivsymbol betrachtet, ist, wenn von „Flug“ die Rede ist, die Rede auch von Aufbruch, Schwerelo­sigkeit, Aufstieg, Himmelstürmer, Vogelperspektive, Ausbruch, etc., beim „Heißluftballon“ buchstabieren sich zu diesen noch Entfesselung, freies Schweben, Entgrenzung, Flamme, Schatten, Überwältigung, etc. hin­zu.
„Folgen Sie diesem Heißluftballon!“ Mit diesem Wunsch, Auftrag oder Ruf tritt Natalie, die weibliche Hauptfigur in „Die Stunde zwischen Frau und Gi­tarre“ in unsere Lesewirklichkeit aus Lettern und Lektüren. Doch die „herr­lichen sphäri­schen Gebilde, bei deren Anblick man innerlich runder und vollkommener wurde“, schweben davon. Natalies Wunsch wird nicht erfüllt. Noch nicht?

NB: Da wir nun schon beim Geheimrat waren. Seine Überlegungen, wie man diesen Klotz „Faust“ bewältigen könne, lassen sich 1:1 auf den Klotz „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ übertragen:
„Die rechte Art, ihm („Faust“, DB) beizukommen, es zu beschauen und zu genießen, ist die, welche du gewählt hast: es nämlich in Gesellschaft mit ei­nem Freunde zu betrachten: Überhaupt ist jedes gemeinsame Anschauen von der größten Wirksamkeit; denn indem ein poetisches Werk für viele ge­schrieben ist, gehören auch mehrere dazu, um es zu empfangen; da es viele Seiten hat, sollte es auch jederzeit vielseitig angesehen werden.“ (Goethe an Karl Ludwig von Knebel, 14.11.1827)

Ein Plädoyer für „Social Reading“! Goethe, der alte Tausendsassa.

Ich danke Matthias Klagges.