Wenn alles jetzt ist, ist jetzt für immer. Die ersten zweihundert Seiten „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ habe ich hinter mich gebracht. Eine permanente Kollision, eine ständige Verflechtung von Vorstellungs – und Außenwelt. Betreuerin Natalie ist so faszinierend wie sie neurotisch und manchmal abstoßend ist, ihre Vorstellungen und Gedanken durchziehen die Geschichte. Sie bilden die Bewusstseinsbasis, auf der alles andere stattfindet. In diesem Roman verschwimmen Grenzen an ganz verschiedenen Stellen, geraten Selbstverständlichkeiten ganz selbstverständlich aus dem Gleichgewicht. Normalität und Wahnsinn, Liebe und Besessenheit, Vereinzelung und ständige Beanspruchung durch moderne Medien, Transparenz und Privatsphäre. Er ist nicht nur ein literarisches Werk, er bildet ein Wahrnehmungsmuster ab. Alles hängt mit allem zusammen, jede Kleinigkeit hat irgendwo aus irgendeiner Perspektive betrachtet eine tiefere Bedeutung, einen (verborgenen) Sinn. Und den gilt es nicht nur zu entdecken, sondern auch zu durchbrechen. Und sei es mit non-sequitur Gesprächen, bei denen auf eine Bemerkung keine logische, inhaltlich kohärente Erwiderung folgt.

Müsste ich mich entscheiden, welcher Roman auf der Shortlist zeitgemäßer, aktueller wäre, Ulrich Peltzers „Das bessere Leben“ oder Clemens Setz‘ „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“, müsste es Setz sein. Vor allem, weil dieser Roman gar nicht vordergründig beabsichtigt, eine Zeitstimmung einzufangen, – und dennoch gelingt es ihm, in einer überraschend lesbaren Art Komplexität abzubilden. Setz fordert und fördert sprachliche Entdeckungen zutage: Straßenlaternen als „Lichtkneipen für Insekten“, Gefühle sind mitunter „aurig“ oder ein Geräusch „so welthaltig und intim wie ein Zahnwehimpuls mitten in der Nacht.“ Vom Kleinsten ins Größte und wieder zurück.

Sprache kann wahrnehmungsverändernd sein. In diesem Roman ganz besonders, – wenn Vergleiche, Gedankenverbindungen, Wahrnehmungen und Fantasien sich vermengen zu einem Gemisch, das manchmal verstörend und nicht immer das ist, was man zu lesen wünscht, aber fast immer etwas Neuartiges. Ich betrachte Dinge, die ich längst zu kennen glaubte, kurzzeitig mit anderen Augen. Wenn Bücher die Aufgabe haben, das Leben, das wir kennen, auf eine Weise darzustellen, wie wir es nicht kennen, erfüllen bereits diese etwas mehr als 200 Seiten mit Bravour, was von ihnen erwartet wird. Von diesem Roman geht bislang ein Grundrauschen aus, das ich mir gern anhöre.

Mich interessiert Natalies Wert auf der Adamski-Schreber-Skala.