Clemens Setz kenne ich zum einen aus Klagenfurt, wo man ihn erwarten würde. Zum anderen aber kenne ich ihn von Facebook, wo man ihn zwar auch erwarten würde – aber doch nicht so! Bis er Mitte Juni schrieb, man habe ihm eine Facebook-Pause verordnet („Völlig zu Recht“), war sein persönliches Profil das eines im zweitbesten Sinne Besessenen. Im besten Sinn besessen ist man, wenn das eigene Leben vollständig darin aufgeht, nur hat man dann halt keines mehr. So wie Clemens Setz facebook-seitig im zweitbesten Sinn besessen ist man, wenn man die Pose des Besessenseins so sensationell gut beherrscht, dass man sie sich selbst glaubt. Und sie doch wieder abstreifen kann wie ein zum Gespensterspiel umgehängtes Laken.

Setz hat Zeichnungen von Autopsien aus der Frührenaissance gepostet, die im Detail gezeigten Herzen mit „trägen Sommerhummeln“ verglichen und der absurderweise ebenfalls aufgeschlitzten Figur, die die Autopsie vornimmt, zugeschrieben, dass sie „Innenzither“ spiele. Ein Musikinstrument, bestehend aus dem Brustkasten des Leichnams.

Er hat via selbstgeschossenem Foto auf die außerhalb der Frisur gar nicht vorhandene, aber sofort einleuchtende Ähnlichkeit von Jeff Bridges und Peter Handke hingewiesen.

Er hatte eine Idee für eine verquere App zur Selbsterkenntnis, für einen nicht weniger verqueren Film mit alternden Stars ehemaliger Boybands und fühlte sich von der „Nemesis“ der Überschriften des Magazins „VICE“ geradezu persönlich angegriffen, wenn nicht verfolgt oder doch zumindest aufgefordert, etwas darüber oder damit zu schreiben; vielleicht ein Gedicht.

Und das alles allein im Juni, die Aufforderung von dritter Seite, doch eine Facebook-Pause zu machen, war also außerordentlich nachvollziehbar. Aber doch sehr, sehr schade, denn das, was Clemens Setz auf seinem Facebook-Strom lieferte, hat große Parallelen zu der Stoßrichtung seines Romans.

Schon eines der zwei ausgewählten Zitate, die dem Roman vorangestellt sind, blickt in diese Richtung. Es stammt von Charles Victor Eglantine und findet sich im Buch Terra Australis Cognita von 1874. Wenn man nicht genau hinsieht, ist man geradezu gezwungen zu lesen, es handele sich um „Austria„, sicher beabsichtigt, und von dieser Sorte leicht irisierenden Humors findet sich eine Menge im Roman. Die Eingangssätze von Eglantine aber lauten:

Kommunikation als Rache. Das ist es. Das ist der Schlüssel, so sehe ich das wenigstens, zum Werk von Setz. Die Parallele auch zwischen seinem Facebook-Sturmstrom und den Motiven des Romans. Wie außerordentlich hervorragend passt es da, dass der Begriff „Kommunikation als Rache“ der Welt noch gleichermaßen bekannt und unbekannt ist. Googlet man nämlich danach, dann spricht Google zwar von „ungefähr 0 Ergebnissen“, was für sich bereits ein gleißendes Symbol der präzise eindeutigen Uneindeutigkeit der digitalen Welt ist. Besser aber noch – Googles Behauptung zum Trotz gibt es eben doch ein, und zwar exakt ein Ergebnis:

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Dabei wird es natürlich nicht bleiben, und zwar nicht nur wegen dieses Beitrags. Sondern vor allem auch, weil Clemens Setz es mit seinem neuen Roman „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ festlegt: Kommunikation kann auch Rache sein. Rache an der Welt dafür, dass sie einen gezwungen hat zu kommunizieren. „Kommunikation als Rache“! Der Rest sind Details.