Wenn man sich das Video zu Simians Song „Never be alone again“ ansieht und das auch noch auf ein Projekt überträgt, in dem es um gemeinschaftliches Lesen geht, könnte man das Freundschaftsversprechen auch für eine handfeste Drohung halten. Dass Lesen eine einsame Tätigkeit sei, mag für viele stimmen. Dass das für immer und ewig gilt, kann man aber als ebenso ideologisch vernachlässigen wie eine etwaige Prognose, dass es in Zukunft nur noch ein zwangsüberwachtes Social Reading geben wird, in dem einem ständig alle dazwischenquatschen. Wichtig ist zunächst vielmehr, dass es das Lesen von Literatur ohne ein Gespräch über diese Literatur nicht gibt.

Das Knirschen

Die Reihenfolge könnte sogar genau umgekehrt sein – oder sie könnte es werden. Denn diese Reihenfolge, um die zu kümmern wir, jedenfalls die älteren unter uns, noch durch sehr bestimmte mediale Dispositionen gewohnt sind, verliert in der digitalen Transformation an Bedeutung. Die Grenzen zwischen Lesen und Schreiben, zwischen Autor und Leser, Produzent und Konsument, werden porös, mindestens aber werden sie neu definiert. Wir handeln neu aus, was überhaupt ein Buch ist, was eine Seite. Alle, die im Web etwas lesen, auf Ebook-Readern oder Smartphones, wissen längst sehr konkret, wie etwa mit dieser relativen Konvention der „Seite“ umzugehen ist: man stellt sie so ein, dass es für die Augen, für die Größe des Displays angenehm passt. Oder: eine relative Größe, die das Lesen skalierbar und damit zu einem wesentlichen Bestandteil des ökonomischen Kalküls für das elektronische Publizieren macht.

Die Ergonomie gehört zum Lesen ebenso dazu wie der Ort, an dem gelesen wird, die Zeit, das Buch, das Gerät, der Ladestand des Akkus, die Bequemlichkeit des Stuhls, auf dem man sitzt, das Knirschen des mit Dinkelspreu gefüllten Kissens, auf das man sein vielleicht schon müdes Haupt bettet, die Anstreichungen des Vorbesitzers in diesem leicht fleckigen Taschenbuch oder auch die ständig neu hinzukommenden Kommentare in der Seitenleiste des Sobooks-Fensters. Es ist von Bedeutung, wie oft diese Kommentare kommen, wie viele überhaupt da sind, von wem und wie vielen Kommentatoren sie stammen, ob ich die Namen kenne, ob ich sie wiedererkenne, ob sie mich neugierig machen, ob ich durch irgendeinen flüchtig im Augenwinkel aufgeschnappten Satz dort aufmerksam werde und dann nachschaue, was diese Kommentatorin noch so zu dem Buch, das ich gerade lese, also vielleicht zu Clemens J. Setz neuem Roman Die Stunde zwischen Frau und Gitarre, angemerkt hat.

Verführer und Verwalter

All das sind nicht nur materiale und soziale Paratexte, sondern daraus werden Kontexte geschaffen, in denen das Gespräch über Literatur stattfindet. Für dieses Gespräch ist die Gemeinschaft, wie groß oder klein auch immer, die sich aus Autoren und Lesern bildet, genauso wichtig wie der Text, den sie verfassen und lesen. Dafür braucht es nicht den kleinsten oder größten gemeinsamen Nenner, keinen Homogenität versprechenden Literaturbetrieb, nichts, was ein- oder auszuschließen versucht, sondern Offenheit, Neugier. Entdecker, Eroberer und Verführer sind hier am Werk, keine Türsteher, Verwalter oder Sandburgenbauer.

Die hier, in diesem Blog, lesen und schreiben, besitzen Die Stunde zwischen Frau und Gitarre auch in gedruckter Form. Also das, was wir immer noch Buch nennen: bedrucktes und zusammengebundenes Papier. Seit einigen Jahren aber erscheint es sinnvoller, Bücher nicht mehr allein dadurch zu definieren, woraus sie bestehen, sondern wie sie gebraucht werden. Wenn man sich in einigen Wochen oder auch erst in 100 Tagen, wenn wir dieses Projekt hier beendet haben werden, den Gebrauch betrachtet, der hier von Clemens Setz‘ Roman gemacht wurde, werden wir, so zumindest meine Vermutung, das Buch eher als nutzergesteuertes Medium beschreiben können.

Vielleicht ganz ähnlich wie die Synästhesistin Natalie Reinegger sich im Roman Zugang zur Welt verschafft. Nicht der Sockel für den Roman wird höher und strahlender, sondern der Raum, in dem er leuchtet, in dem wir uns wechselseitig leuchten. Dass Bücher Medien sind, wissen wir vermutlich schon länger. Digitale Systeme, in denen viele Leser gleichzeitig anwesend sein können, in Echtzeit also lesen und kommentieren, einander kommentieren und miteinander diskutieren, machen von dem Medium allerdings einen anderen Gebrauch.

Das Buch ist ein Ort

Für das, was wir hier auf dieser Webseite und nebenan bei Sobooks im elektronischen Buch veranstalten – es gibt ja, wie alsbald zu sehen sein wird, diverse Verbindungstüren zwischen diesen Räumen -, ist eben dieses Bild vom Raum oder Ort, in den sich das Buch verwandelt, wahrscheinlich das vielversprechendste. Vor zehn Jahren hat Bob Stein vom Institute for the Future of the Book mit einem simplen, aber umso wirkungsvolleren Kunstgriff diese Vorstellung vom Buch als einem Ort etabliert, an dem sich Menschen treffen und ins Gespräch kommen. Er rückte in der Architektur der Website, auf der über einen Text von McKenzie Wark diskutiert wurde, den Kommentarbereich neben den Text. Statt durch Scrollen in den unteren Seitenbereich zu den Leserdiskussionen zu gelangen, konnte man nun beobachten, wie Leser und Autor sich auf Augenhöhe begegneten. Durch diese Verschiebung und dann auch durch das intensive Engagement Mckenzie Warks in den Diskussionen entwickelte sich rasch ein außerordentlich lebendiges Gespräch.

Lesen und soziale Interaktion sind in diesem Modell nicht mehr – wie es über Jahrhunderte exzerziert wurde – voneinander zu trennen. Social Reading „bereichert“ nicht das Buch um soziale Praxis, sondern macht sie nur sichtbar und eben praktikabel. Viele zusammen können sich wechselseitig helfen und erklären. Alleine zu lesen, so Bob Stein, wird unseren Enkeln ähnlich eigenartig vorkommen wie uns heute so etwas wie Stummfilme. Das zu sagen, bewertet nicht diese Filme, nicht die Enkel oder Fähigkeiten wie Konzentration oder Kommunikativität, sondern beschreibt nur wie sich unsere Medienpraxis verändert.

Schlechter, enthusiastischer Sex

Vor ein paar Jahren habe ich mit eine Gruppe von Studierenden der Hildesheimer Kulturwissenschaften ein Semester lang Clemens Setz‘ Roman Indigo gelesen: online, in einer geschlossenen Gruppe, mit einer damals sich noch in der Beta-Phase befindlichen Software. 2000 Kommentare sind in diesen Wochen entstanden. Sie reichten von Einwortsätzen über Youtube-Links bis zu veritablen Kurzessays, ganz zu schweigen von etlichen Detail-Diskussionen. Clemens Setz hat mitgelesen, aber nicht eingegriffen. Zum Abschluss haben wir, zusammen mit Clemens, das digitale Projekt an einem Abend in Hildesheim analog auf die Bühne gebracht und das mit ganz erstaunlichen Ergebnissen. Für dieses aktuelle Projekt nun scheinen mir vor allem zwei Erkenntnisse von damals wichtig: 1. Das Buch muss den Kontext des Social Readings bestimmen können – und das kann nicht jedes Buch. Eine vergleichsweise triviale Erkenntnis, wenn man nicht beachtet, dass 2. Medienpraxis und Offenheit (mindestens eins von beidem) derjenigen, die lesen und kommentieren, zu diesem Buch passen muss.

„Schön: das gemeinsame unbedarfte Herumstochern am Text. Wie schlechter, enthusiastischer Sex. #socialsetz“ 

Das twitterte Kathrin Passig (@kathrinpassig) bei der besagten Abschlussveranstaltung des Indigo-Projekts. Clemens Setz las auf der Bühne ein Kapitel, das man über eine Projektion hinter ihm mitverfolgen konnte, wurde von Kommentaren unterbrochen, kommentierte bald selbst und nach kurzer Zeit haben sich die Grenzen zwischen Lesung, Performance und Party in Luft aufgelöst. Und was machen wir jetzt mit der Stunde zwischen Frau und Gitarre? Natürlich etwas anderes (wir haben auch einen anderen Hashtag: #fraugitarre). Denn das Buch und die Menschen, die sich ab heute dazu äußern und austauschen, schaffen jeweils ihren eigenen Kontext.

„Ein Blog für betreutes Lesen“: Wer den Roman liest oder bereits gelesen hat, wird rasch sehen, warum diese Beschreibung vielleicht nicht nur so dahergezwinkert ist. Betreute und Betreuer betreuen sich möglicherweise gegenseitig. Hier lesen und schreiben Autorinnen und Blogger, Literaturkritikerinnen, Wissenschaftler, Studentinnen und Literaturvermittler. Keine repräsentative, sondern eine vollkommen willkürliche und daher die einzig richtige Auswahl. Eine vorläufige Auswahl zudem, denn natürlich sind alle, die diese Seite hier besuchen eingeladen zu fragen, zu kommentieren und sich einzumischen.

Ach ja, und Clemens Setz wird hier gelegentlich auch vorbei schauen.