Beitrag geschrieben amSeptember 14, 2015

Setzgespräche

setz

Wenn alles jetzt ist, ist jetzt für immer. Die ersten zweihundert Seiten „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ habe ich hinter mich gebracht. Eine permanente Kollision, eine ständige Verflechtung von Vorstellungs – und Außenwelt. Betreuerin Natalie ist so faszinierend wie sie neurotisch und manchmal abstoßend ist, ihre Vorstellungen und Gedanken durchziehen die Geschichte. Sie bilden die Bewusstseinsbasis, auf der alles andere stattfindet. In diesem Roman verschwimmen Grenzen an ganz verschiedenen Stellen, geraten Selbstverständlichkeiten ganz selbstverständlich aus dem Gleichgewicht. Normalität und Wahnsinn, Liebe und Besessenheit, Vereinzelung und ständige Beanspruchung durch moderne Medien, Transparenz und Privatsphäre. Er ist nicht nur ein literarisches…

Ich habe ein freiwilliges asoziales (Lese-)Jahr gemacht. Mehrere, um genau zu sein.

Wie absurd das ist, hier zu schreiben als jemand, der fest an eine holzfreie Zukunft des Lesens glaubt und gleichzeitig das digitale (Genuss-)Lesen immer vermieden hat. Zu besprechende Bücher, Arbeitsbücher also lese ich auf dem Bildschirm – jedenfalls die, die ich nicht leiden kann. Aber was mir nah geht, dem will ich auch nah sein (oder mir Nähe wenigstens erfolgreich einreden können). Was man liebt, will man anfassen. Die ersten Seiten heute morgen in alter Routine auf Papier gelesen, mit Bleistift an den Rand gekritzelt: Ideen, Wortspiele, kleine Freudenausbrüche – und dann fiel mir ein, dass das jetzt nicht drin ist.…

Was soll das sein, Social Reading?

Buchtrailer Pin

14. September 2015, die Gruppe hat mit dem Lesen begonnen. Das Buch liegt vor mir auf dem Bett wie ein Quader dunkler Materie, unendlich dicht, unendlich schwer. Wussten Sie, dass die menschliche Lunge dermaßen filigran zusammengefaltet ist, dass sie sich zu mehreren Fußballfeldern auswalzen ließe? Ich stelle mir vor, wie wir in die unüberschaubare Landschaft dieses Buches hineinlaufen. Wie unsere Rufe die Täler erfüllen. Wie wir überall kleine Pionierfähnchen einpflanzen, Tiere erlegen, Lager aufschlagen. Die Ziele unserer Mission verborgen im fog of war. Was soll das sein, Social Reading, was soll das werden? Ich will darüber Reisetagebuch führen. Wer waren…

Kommunikation als Rache

Clemens Setz kenne ich zum einen aus Klagenfurt, wo man ihn erwarten würde. Zum anderen aber kenne ich ihn von Facebook, wo man ihn zwar auch erwarten würde – aber doch nicht so! Bis er Mitte Juni schrieb, man habe ihm eine Facebook-Pause verordnet („Völlig zu Recht“), war sein persönliches Profil das eines im zweitbesten Sinne Besessenen. Im besten Sinn besessen ist man, wenn das eigene Leben vollständig darin aufgeht, nur hat man dann halt keines mehr. So wie Clemens Setz facebook-seitig im zweitbesten Sinn besessen ist man, wenn man die Pose des Besessenseins so sensationell gut beherrscht, dass man…

Because we are your friends you’ll never be alone again

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Wenn man sich das Video zu Simians Song „Never be alone again“ ansieht und das auch noch auf ein Projekt überträgt, in dem es um gemeinschaftliches Lesen geht, könnte man das Freundschaftsversprechen auch für eine handfeste Drohung halten. Dass Lesen eine einsame Tätigkeit sei, mag für viele stimmen. Dass das für immer und ewig gilt, kann man aber als ebenso ideologisch vernachlässigen wie eine etwaige Prognose, dass es in Zukunft nur noch ein zwangsüberwachtes Social Reading geben wird, in dem einem ständig alle dazwischenquatschen. Wichtig ist zunächst vielmehr, dass es das Lesen von Literatur ohne ein Gespräch über diese Literatur nicht gibt.…