Man müsste sich vielleicht einmal beschäftigen mit den Grundsätzlichkeiten eines längeren Aufenthalts in Wohnheimen. Schon der Klang des Begriffs „Wohnheim“ ist sehr aussagekräftig. Obwohl die Morpheme „Wohn“ und „heim“ beide einen eher positiven Sound des Zuhause mitbringen, ist ihre Kombination ab Werk eine Art Zumutung. Zweimal plus ergibt minus, auf eine literarische Art, nirgendwo fühlte man sich weniger nach „Wohnen“ und „heimelig“ als in einem Wohnheim.

Das Wohnheim hat die Zeit des Übergangs bereits in seinen Namen eingebrannt, es ist ein verdammtes Provisorium, und dazu noch eines, in dem man immer nur den Status des Geduldeten hat. Denn das „Wohnheim“ hat per Definition jemanden, der es verwaltet und also die Weisungshoheit für die Bewohner mitbringt. Niemand, der im Wohnheim wohnt, ist sein eigener Herr. Und das ist nur der Anfang. Hineingestürzt in die Passage des Romans: 

 Hier nun finden wir eine Reihe verschiedener Elemente, die ein Wohnheim eben zur Zumutung machen. Die Ehrlichkeit, das „Betreute“ dazuzuschreiben, macht die Tatsache ja nicht besser. Die leicht verdrehte Voyeurs-Szenerie, das mühevolle Verbergen einer Art Anfall, sie ist typisch für das Beklemmende in Wohnheimen.

Denn darin klingt die ständige soziale Beobachtung durch das Umfeld mit, Wohnheime dürften die Wohnsituationen mit der mutmaßlich geringsten Privatsphäre sein, darunter passen nur noch Gefängnis und Anstalt. 

Und schon kommt – absolut passend zum Thema Privatsphäre, Beobachtung, Verstellung – nur ein paar Zeilen weiter im Buch, das Internet ins Bild gepurzelt. Denn natürlich lässt sich das Betreute Wohnheim easy als Netz-Allegorie lesen, vielleicht geht es gar nicht anders, vielleicht ist „Die Stunde…“ tatsächlich ein Facebook-Roman in der Gestalt eines Wohnheim-Romans. Es wäre nicht der falscheste Ansatz, sondern würde im Gegenteil analytisch präziser und wirkmächtiger sein als alles, was man sonst so zu den sozialen Netzwerken gezwungen ist zu lesen.