Beitrag geschrieben amSeptember 2015

Nichts wissen #3

OctopusReaderGate

In Hongkong gibt es Octopus, ein bargeldloses Zahlungssystem, das über einen Microship funktioniert, der in Karten oder auch Geräten, den Octopus Readern verbaut wird. Öffentlicher Nachverkehr, Einzelhandel, Onlineshops, Freizeiteinrichtungen und Schulen nutzen Octopus (das Londoner Pendant heißt Oyster Card). Auch in fortgeschrittener Pflegestufe kann die Octopus Card verwendet werden. Als nächstes kommt das Implantat. Man kann dann nach Stimmung einkaufen: Octopus erkennt selbständig die Waren, nach denen es mich verlangt, weiß, welchen Bus ich nehmen muss, in welches Stockwerk des Parkhauses ich muss, wenn ich vergessen habe, wo das Auto noch abgestellt ist. Und es geht auch anders herum: Bücher im…

Wozu lese ich denn? – Jörg Plath

Jörg Plath, geboren 1960, studierte nach einer Ausbildung zum Buchhändler Neuere deutsche Literaturwissenschaft, Geschichte und Politik in Freiburg, Wien und Berlin. 1993 promovierte er über Franz Hessel, war freier Lektor, Ghostwriter, Literaturredakteur und arbeitet als Kritiker für überregionale Medien wie die „Neue Zürcher Zeitung“ und „Deutschlandfunk“. Er ist Literaturredakteur von „Deutschlandradio Kultur“. Mit wem würden Sie gerne ein Buch zusammen lesen? Bisher war da immer ein Kopf im Weg, weshalb er mir schon gut bekannt, ja lieb sein sollte. Das ist jetzt ja sicher anders, was die Ansprüche weniger persönlich und unbestimmter werden lässt. Ein Anspruch aber bleibt: Vielleser bevorzugt. Mit…

Nichts wissen #2

Hieronymus_Writingcards_Writing_Card_Octopus_A5_Set_White_Green_12_pcs_A000225_Totalview

In der Tiefsee passt man sich an die Umgebung an, nach Muster und Farbe. Auch die Struktur wird ihrer Umgebung ähnlich. Hollberg spricht von einem unwillkürlichen Kopiervorgang, der echt krank sei. Das so zu sagen, imitiert zwar auch wieder eine bestimmte Redeweise, ist aber zugleich Klartext. Krank ist nicht das Kopieren oder Imitieren sondern das Unwillkürliche. Sich einem Gegenüber oder einer Umgebung gleich zu machen, die man vorher noch nie gesehen hat, sei krank. Nicht krank wäre demnach, das gleiche nach genauer Beobachtung zu tun. Was man sorgfältig studiert und eingeordnet hat, darf kopiert werden, ohne dass damit gegen irgendwelche…

Nichts wissen #1

By Quant (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Was macht das Konfettistück auf seinem Schuh? Metallic violett. Natalie sieht es bei Hollberg, auf seinem Schuh, im Bart. Eine Party. Und er hinkt. Dorm bückt sich nach Hollbergs Fuß, voller Hingabe, vor ihm glitzern tausend Scherben einer unendlich wertvollen Vase. Das Behältnis Hollberg. Ein Glitzern, das woanders hinzeigt, nach außen, auf dem Fuß, den er, wie er sagt, sich verstaucht hat. Es hindert ihn nicht, Dorm wieder am Nacken zu packen, wie einen Gefangenen, einen Delinquenten, eine nasse Katze. Diese Griffe in den Nacken wiederholen sich im Verlauf des Romans. Eine „Art Abhärtung“ könnte das sein, so scheint es Natalie. Wogegen härtet…

Mehr Mathematik… – Jan Süselbeck

PD. Dr. phil, Studium der Neueren Deutschen Literatur, Neueren Geschichte sowie Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft an der Freien Universität Berlin (FU). 2004 Promotion an der FU mit einer Studie über Arno Schmidt und Thomas Bernhard (erschienen 2006 bei Stroemfeld). Seit 2005 Redaktionsleiter der Zeitschrift literaturkritik.de. 2012 Habilitation und Privatdozentur an der Philipps-Universität Marburg; wissenschaftlicher Mitarbeiter in Jörg Dörings DFG-Projekt „Die Adlon Tapes: Zur Textgenese von Tristesse Royale“ sowie Gastwissenschaftler im Graduiertenkolleg „Generationengeschichte“ an der Georg-Ausgust-Universität Göttingen (Sommersemester 2012). Vertretungsprofessuren in Marburg (2009/2010) und an der Universität Siegen (2013/2014). Seit September 2015 DAAD Associate Professor of German Studies an der University of…

Der Roman als Mindmap

8119354747_992eefca6b_h

Foto: Niels van Dijk on Flickr Literatur ist eigentlich fast immer die Mindmap eines anderen. Und Mindmap ist hier durchaus nicht im Sinne einer Strategie zu verstehen, ungeordneten Gedankengängen zu einer Struktur zu verhelfen. Sondern im Gegenteil: individuelles Chaos so abzubilden wie es ist, mit all seinen Querverbindungen und persönlichen Assoziationen. Bis zu einem gewissen Grad leistet jedes Buch die Kartographie einer ganz bestimmten Denkweise. „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ aber ist in Detailliebe und Unbarmherzigkeit schwer zu übertrumpfen. Hier werden nicht nur einzelne Inseln und Fixpunkte einer Wahrnehmung skizziert, sondern erbarmungslos sämtliche Register gezogen – Geheimhaltung, Raum für…

Alexander Dorm – ein inszenierter Kunstfreund?

Man Ray: Le Violon d’Ingres | Fabio Omero via Flickr (CC BY-SA 2.0)

Als Clemens J. Setz beim Internationalen Literaturfestival in Berlin über seinen neuen Roman sprach, sagte er über die Protagonisten in seinem neuen Roman, dass sie wie Liebesbriefe im falschen Jahrhundert seien, die an niemanden mehr adressiert sind und dennoch einen Leser finden. Ihre Worte würden sich wie Fühler in die Zukunft strecken und doch ins Leere greifen, erklärte Setz seinen Vergleich. Man könnte sich ganz damit begnügen und den Buchtitel der nonseq-Weltsystematik zuordnen, die Natalie Reinegger für sich und ihre Interaktion mit der Welt zum Maßstab allen Handelns gemacht hat. Dann wäre »Die Stunde zwischen Frau und Gitarre« praktizierter Dadaismus,…

Buchtourismus

fraugitarre-buchtourismus

„Waren Sie schon im neuen Setz? Tolles Buch. Aber schrecklich überfüllt.“ Was soll das sein, Social Reading? Ich stelle mir vor, wie der Massentourismus ins Buch einbricht. Tausend Links direkt ins Herz des Textes, Pauschalreisen an die schönsten Stellen. Aus Markierungen werden Sehenswürdigkeiten, Schulklassen laufen die wichtigsten zehn Stationen ab, Leser posieren mit Selfie-Stangen vor skurrilen Metaphern, Spammer verteilen Flyer, Exhibitionisten ergießen sich in die Kommentarspalten. Hat Ijoma Mangold bereits das unterirdische Kraftzentrum des Romans ausgehoben und darauf ein Museum errichtet, eine Kathedrale der Literaturkritik, die auf Seite 700 auf Besucher wartet? Ich bin gespannt. Mein erster Reisetipp und ein…

Souterrain

Mein Souterrain heißt Lasst uns Freunde bleiben das ist schon einmal und für sich ein sehr hübscher Name für einen Ort. Noch viel früher gab es innerhalb des Gebäudes einen Teil, der als Galerie genutzt wurde, und der nannte sich: Ruf Mich nie wieder an. Souterrains sind wichtig. Es gibt Städte, da gibt es keine Möglichkeiten, zum Beispiel München. Dort ist alles Surface, ein wenig schade, aber die Personen dort merken es glücklicherweise nicht. Hier in Berlin ist ein Souterrain King. Ich habe dort heute wieder drei Begegnungen gedurft haben, es handelte sich um Personen, von denen ich weder Telephonnummern…