Es mag unangenehm erscheinen, aber Facebook ist – derzeit – der soziale Beginn von allem. Wenn man „sozial“ in diesem Kontext als „social“ begreift und damit meint, dass alles und jedes besprochen, diskutiert, vergesprächsanlasst wird. Auf Facebook beginnt es also, und Clemens Setz ist eine Art Facebook-Künstler, was sich aus der Perspektive des klassischen Feuilleton etwas weniger großartig anhören mag, als es in der konkreten Umsetzung ist.

Denn da ist kein Beitrag oder fast kein Beitrag von Clemens, der nicht eine geradezu verstörende beobachterische Tiefe freilegt, ein schriftstellerisches Auge beweist oder zumindest irgendwie unterhaltsam ist. Der Schlüssel zur beglückenden Intensität seines Facebook-Oeuvres ist eine Obsession für Obsessionen. Da bohrt er sich in eine Filmszene hinein, wie es nur jahrelang fanatisierte Überenthusiasten eines besonderen Films überhaupt vermögen. Da erklärt er die Zusammenhänge mittelalterlicher Schmiedekunst einer einigermaßen abseitigen Subkultur Osteuropas, von deren bloßer Existenz kaum jemand weiß – nur um anschließend eine Fachfrage zu stellen, die vielleicht drei Slawistikpäpste beantworten könnten, die allesamt mutmaßlich nicht auf Facebook oder tot oder beides sind.

Und da schreibt er einen Roman, höchst obsessive 1000 Seiten stark, der mit Facebook-Elementen und -Motiven spielt, allen voran der Urstörung, auf der Facebook substantiell aufzubauen scheint: Alltagsschnüffelei, jemandem Hinterherklicken bis in die intimsten Foto-Alben hinein, eine milde Form des Stalkings.